Erlebt am 20. November 2025, Alte Schmiede (Wien)
Na gut, die Buch Wien 2025 haben wir ausgelassen, man kann nicht überall gewesen sein … Aber Manuelas Adlerinnenauge ist der Hinweis im „Falter“ nicht entgangen, dass Konrad Paul Liessmann sein neues Buch „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ in der Alten Schmiede präsentiert und ja, wir sind Liessmann-Fans, also gehen wir da natürlich hin. Manuela gleich direkt von der Arbeit in die Innenstadt, gehen zu Diglas in der Wollzeile zum Aufwärmen und wer sitzt da zwei Tische weiter? Liessmann. Cool. Und zwei Tische weiter auf der anderen Seite? Ex-Bundeskanzler Werner Faymann. Cool. Aber: Die Qualität der Torten hat ein bissl abgebaut im Diglas, muss ich sagen, und der süditalienische Kellner ist auch nicht mehr dort … Wir natürlich, schlau, schauen, dass wir um 18:30 in der Alten Schmiede sind. Diejenigen, die erst 18:45 auftauchen müssen sich schon um Sitze rangeln. Und die, die um kurz vor 19:00 Uhr auftauchen, naja …
Liessmann ist nicht allein, sein Gesprächspartner an diesem Abend ist Michael Ludwig, hauptberuflich Bürgermeister der Stadt Wien. Ludwig wirkt im Fernsehen immer recht aufgeräumt, intelligent, aber weil Politiker halt mehr oder weniger in Schablonen reden (müssen) auch nicht rasend originell. Er ist immer recht putzig anzusehen, als würde er gerade von seiner Firmung kommen. Aber Ludwig ist für uns die große Überraschung des Abends; belesen, historisch versiert (hat ja auch Geschichte studiert), weit- und rückblickend zugleich, rhetorisch überzeugend. Man wünscht sich, dass Politiker:innen im Fernsehen vielleicht mal größere Freiräume hätten um über anderes als Politalltag reden zu können.
Liessmann sieht in unserer Zeit eine Zeit der Krisen, die wiederum werden unterschiedlich verortet in verschiedenen Sachbereichen. Zunächst die prinzipielle Frage, ob wir überhaupt eine Krisenzeit durchleben, gestellt von Ludwig, denn vergleicht man die Krisenhaftigkeit unserer Zeit mit der von vor etwa 80 oder 100 Jahren, so wiegen ewig lange Finanzkrisen und die Weltkriege natürlich deutlich schwerer. Oder? Liessmann wiederum stellt fest, dass eine Krise zeitlich begrenzt sein muss, ist sie das nicht, dann ist sie keine Krise sondern ein chronischer Zustand. (Was ist der Unterschied zwischen normal und chronisch?) Sicher ist, dass es Ängste gibt, dass wir in einer Umbruchszeit leben. Liessmann stellt sich vor, dass wir Angehörige einer Epoche sind, von der Historiker:innen einmal sagen werden, in dieser Epoche von etwa 1870-2050 habe es „Pensionen“ gegeben, was weder davor noch danach der Fall gewesen ist. Ein Gedanke, der mir schon mal in Bezug auf Arbeiter:innen und Wohlstand gekommen ist, stellt sich die Phase von 1960 bis etwa 2000 für mich nämlich als diejenige dar, in der Arbeiter:innen tatsächlich zu Wohlstand kommen konnten, sich Häuser bauen oder erwerben konnten, oft mit einem Familienmitglied als Haupt- oder Alleinverdiener. Und dann war immer noch genug Geld da, um sich zusätzlich etwas sparen zu können. Und dann sind die Immobilienpreise auch noch in die Höhe geschossen. Und und und … alles vorbei.
Auch was die Lebenserwartung betrifft, den Einsatz von KI … es werden Fragen aufgeworfen, die derzeit kaum zu beantworten sind. Ludwig hat vermutlich Glück, mit 62 Jahren ist er alt genug, dass er den großen Umbruch nicht mehr mitverantworten werden muss.
Liessmann und Ludwig, zu oft einer Meinung als dass es zu einer Diskussion oder einem Streitgespräch hat kommen können, boten an diesem Abend Unterhaltung auf hohem Niveau mit vielen Anregungen zum Nachdenken (Gott behüte, nachdenken, hätte Thomas Bernhard eingeworfen), Weiterdenken, Vordenken, Überdenken – und wer mehr Anregungen wünscht kann sich ja Liessmanns Buch „Was nun?“ (dessen Cover inspiriert ist von der deutschsprachigen Erstausgabe von Lenins „Was tun?“ (1902)) kaufen.
Wir haben uns auf jeden Fall ein Exemplar gesichert und signieren lassen. Vor uns in der Reihe: Thomas Schäfer-Elmayer. Werner Faymann war nicht da. Hat er was verpasst.

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