„Am Ziel“, Akademietheater

Gesehen am 7. Februar 2026

Jaja, ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie … die alte Bernhard-Frage (auch Titel einer Erzählung Bernhards) lässt sich nicht so einfach beantworten, vielleicht gar nicht. Man könnte „Am Ziel“ durchaus als schreckliche Tragödie inszenieren, eine Art „was geschah mit Baby Jane?“ nur mit Mutter und Tochter statt zwei Schwestern, Porträt einer Familienhölle, der Text hat durchaus das Potenzial dafür. Aber Regisseur Matthias Rippert hat sich für eine komische, leichte Ausführung entschieden, mit einem Hang zu Drastik (die Mutter übergibt sich am Ende über den Schriftsteller) und Klamauk (der herunterfallende Scheinwerfer während die Mutter über den schon eher desolaten Zustand ihres Hauses räsoniert). Gut und schön und unterhaltsam und wer das Furchtbare, Schreckliche (die Erzählung des verunstalteten, früh gestorbenen Richard, die Gemeinheiten der Tochter gegenüber) raushören möchte, braucht sich nur an den Text zu halten.

Rippert macht aus dem Stück ein Kammerspiel, auch räumlich: die Figuren kleben förmlich aneinander, besonders zum Schluss, wo Mutter und Tochter den dramatischen Schriftsteller auch körperlich vereinnahmen wollen und Hände und Körperteile sich berühren, die Mutter dem Schriftsteller nahekommen möchte, der Schriftsteller sich aber auf die Tochter konzentriert, die demgegenüber durchaus aufgeschlossen ist. Die Breite der Bühne des Akademietheaters ist gefüllt mit den von Bernhard geforderten Rohrkoffern – und einer langen Reihe von Theatersitzen, der „Reihe 0“, wie auf einem Schild zu lesen ist. Naja, es ist naheliegend, ein Stück, das zu einem beträchtlichen Teil von Überlegungen zum Theater, zur Dramatik, zum „dramatischen Schriftsteller“ erfüllt ist, quasi theaterreferentiell zu inszenieren. Aber die Sitzreihe macht aus den Figuren Zuschauer:innen – und das sind sie nicht. Sie sind die Handelnden, wären sie Zuschauer:innen, würden sie etwas beobachten, etwas sehen – das tun sie nicht. Sie sind der Fundus, aus dem die Dramatik entsteht, wie es auch im Stück heißt und nicht die Beobachter:innen.

Die Handlung des Stücks ist schnell erzählt: eine altgewordene verwitwete Mutter – und offensichtlich Trinkerin – lebt mit ihrer auch nicht mehr jungen Tochter in einem Haus, das langsam zerfällt. Beide beschließen in ihr Ferienhaus nach Katwijk zu fahren, in dem früher schöne Sommer verlebt worden sind, aber auch dieses Haus – einst der Hauptgrund für die Ehe mit dem verstorbenen Gusswerkbesitzer – verfällt langsam. Die fast schon symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird bedroht: durch den dramatischen Schriftsteller, der überraschend für einige Tage Mutter und Tochter nach Katwijk begleitet. Das Auftauchen des dramatischen Schriftstellers ist auch der Grund für allerlei Überlegungen Bernhards zum Theater, zum Publikum, zur Figur des Dramatikers, der an sich als Gefahr wahrgenommen wird, als jemand, der den Fundus der ihn umgebenden gesellschaftlichen Wirklichkeit plündert und auf höchst gemeine Weise auf die Bühne stellt, bis diese voll ist mit Dreck, den das Publikum sich gern gefallen lässt.

Die Darstellung des dramatischen Schriftstellers durch Rainer Galke ist etwas verwunderlich, bei aller Brillanz, mit der Galke den Schriftsteller spielt, Galke ist 54 Jahre alt und sicher kein „junger“ Schriftsteller, wie es der Text eigentlich fordert. (Dem Text zufolge müsste die Mutter auch älter als Dörte Lyssewski sein, nur Maresi Riegner als Tochter ist im gerade geforderten Alter.)

Die Darsteller:innen holen an Komischem raus, was im Text und in den Rollen drinsteht, es ist ein wirklich vergnüglicher Bernhard, der hier gesehen werden kann und der einem leicht die wesentlichen tragischen Punkte des Stücks übersehen lässt: die lieblose Ehe der Mutter, die den ihr zuwideren Gusswerkbesitzer wegen seines Vermögens geheiratet hat, die Ablehnung körperlicher Liebe („An meine Wäsche lasse ich niemanden“ heißt es in einer Doppeldeutigkeit, die Bernhard nicht entgangen sein kann, im Stück), das kranke erste Kind Richard, das die Mutter zu töten beabsichtigte, der Verlust des Mannes, der Verfall der Häuser, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die nicht frei ist von Sadismus. Lyssewski porträtiert die Mutter als Alkoholikerin, die zunehmend betrunkener wird, völlig zu Recht, auch der Text erwähnt immer wieder, wann die Mutter trinkt. Die Derbheit des letzten Regie-Einfalls, wenn die Mutter sich über dem Schriftsteller erbricht, ist folgerichtig, wenn auch grauslich anzusehen.

Riegner wiederum gibt ein unschuldiges Mädchen, das seine Mutter unterstützen und ihr gehorchen will, auch wenn sie erstaunlich viele Widerworte liefert. Es ist sie, die scheinbar ihre Mutter mit dem Schriftsteller zusammenbringen möchte, während die Mutter davon ausgeht, dass es zwischen Tochter und Schriftsteller zu einer Beziehung kommen könnte.

Es bleibt offen, wer das Zentrum der Macht besetzt. Scheinbar die Mutter, sie zwingt die Tochter zum Niederknieen, aber die Tochter ist in der Lage, das so lange auszuhalten, bis die entnervte Mutter sie auffordert, wieder aufzustehen. Alles, was getan wird, macht die Tochter, die Mutter ist im Grunde abhängig von ihr.

Und der Titel? Ja, wer am Ziel angekommen ist, ist enttäuscht vom Erreichten. Aber weder das Stück noch die Aufführung machen deutlich, wann dieses Ziel erreicht ist, erreicht wurde, erreicht werden kann und was das Ziel überhaupt ist – gut so.

Interessant ist, dass das Stück bei Saallicht beginnt, Riegner bereits auf der Bühne zu sehen ist. Das Licht wird erst gegen Mitte der Aufführung runtergedreht. Bald nach Beginn setzt eine Geräuschkulisse ein, kaum wahrnehmbar zunächst, man versucht Musik rauszuhören, aber es ist nur ein vager Rhythmus, der sehr langsam lauter wird, bis irgendwann die Grundstruktur des auch im Stück erwähnten „Bolero“ von Ravel zu erkennen ist. 

Das Bühnenbild gibt optisch nicht viel her: Schräg die sehr lange Reihe an Theatersitzen, dahinter, vorhangartig, zwei Kleiderstangen mit Kleidung in Überziehern. Rechts ein Rohrkoffer aus Metall, im Laufe der Aufführung werden noch andere Koffer dazukommen. Ganz rechts, fast im rechten Winkel zum Publikum, eine kürzere Reihe von Sitzplätzen, wo der Schriftsteller sich kurz nach seiner Ankunft vor Verlegenheit und Unwohlsein winden wird. 

Requisiten gibt es kaum: Tassen, Gläser, Teekanne, eine Flasche Cognac. Es ist immer wieder traurig zu sehen, wie eine der reichsten Bühnen des Landes auf armes, reduziertes Theater macht, warum auch immer. Aufräumen und leere Räume sind ja in, gut. Aber gerade in Bernhards Werken geht es oft darum, dass das Vergangene, das Angehäufte, die Immobilien und ihre Ausstattung einen förmlich erdrücken (auch in „Am Ziel“), man aber trotzdem nicht loslassen kann. Und dann kriegt man ein Bühnenbild, dass an 1980er-Jahre-Lofts erinnert, in die mittellose, gerade der New Wave entwachsene Künstler:innen ihre Zuflucht suchen. 

„Ich fürchte
er wird länger als nur ein paar Tage bleiben“

Die Schlussworte der Mutter.

„Am Ziel“ in der Inszenierung von Matthias Rippert hatte 2022 seine Premiere im Kasino am Schwarzenbergplatz und übersiedelte ein Jahr später ins Akademietheater. Zwischendurch wurde die Rolle der Tochter von Laura Balzer gespielt. Die Uraufführung fand 1981 im Rahmen der Salzburger Festspiele statt.

Bühne: Fabian Liszt
Kostüme: Johanna Lakner
Licht: Norbert Gottwald
Musik: Robert Pawliczek

Weitere Infos auf der Homepage des Burgtheaters.

Die Zitate stammen aus: Thomas Bernhard, Am Ziel, in: Werke 18, Dramen 4, Suhrkamp Verlag: Frankfurt/Main, 2007, S. 354 und S. 373.

Alle Bilder: Jürgen Neckam. Text: Jürgen & Manuela Neckam.

Posted in

Hinterlasse einen Kommentar