Gesehen am 20. Feber 2026
Na gut, es hätte mir zu denken geben sollen, dass „König Gilgamesch – das größte Abenteuer der Welt“ im Renaissancetheater mit 6+ Altersangabe versehen ist, aber um ehrlich zu sein, das habe ich zu spät bemerkt, wohl auch, weil ich Gilgamesch-Fan bin, das älteste uns erhaltene Romanfragment der Welt mehrmals gelesen habe, Raoul Schrotts Version vor über 20 Jahren im Akademietheater gesehen habe und es immer wieder fasziniert und mich stets wundert, dass dieser Ursprung unserer Kultur aus einer Gegend kommt, die wir heute im Grunde nur mit Instabilität, Erdöl und Diktatur assoziieren. Nicht zu vergessen, dass sowohl Euphrat wie auch Tigris, die das Zwischenstromland definierenden Flüsse Mesopotamiens, zwei der vier Flüsse sind, die das biblische Paradies durchziehen.

Na gut, Manuela und ich betreten das Theater, umringt von einer kreischen Horde Kinder zwischen sagen wir mal 6 und 12, die sind ja viel zu jung für das Stück, denke ich, aber was weiß ich schon. Manuela schaut schon ein wenig skeptisch, bleibt aber diszipliniert und zögert nicht, sich mit mir ein Kinderstück anzusehen, auch wenn ihr gar nicht nach Kinderstück ist. Vermutlich war ich geblendet von früheren Besuchen im Theater der Jugend, Sherlock Holmes, die Shakespeares, die Wrestling-Version von Ragnarök. Das war doch gute Unterhaltung, auch für Erwachsene. Ja sicher, am Plakat ist Gilgamesch mit einem Stofflöwen zu sehen, aber warum soll auch der größte Herrscher aller Zeiten nicht seine softe Seite zeigen?

Und es fängt ja gut an, mit einer Rahmenhandlung, die uns zeigt, wie der Banknotengraveur George Smith im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts unter 100.000 Fragmenten in Keilschrift die Textstellen findet, die das ausmachen, was wir heute als Gilgamesch-Epos kennen. Und schon sind wir im Stück und sehen einen despotischen, jungen Gilgamesch als unbarmherzigen Tyrannen, den nur interessiert, dass sein Uruk zur größten Stadt aller Zeiten wird – und stark genug, um den Ansturm des Drachens Chumbaba stattzuhalten. Mino Dreier versucht Gilgamesch ein tyrannisches Element zu geben, aber das funktioniert nicht so richtig. Er bleibt zu freundlich, das Knallen seiner Peitsche ist nur zu hören, nicht zu sehen. Während Enrico Riethmüller als Enkidu, der mehr Tier als Mensch ist, nicht nur die Lacher auf seiner Seite hat, sondern durch seine Unbedarftheit und Offenheit auch die Sympathien der Zuseher:innen. Die Freundschaft der beiden entsteht dadurch, dass sie sich gegenseitig nicht besiegen können, als bilden sie ein Team, das sich fast augenblicklich auf die Reise macht, die Gilgameschs Leben definieren wird: seine Jagd nach Unsterblichkeit. Gilgamesch ist zwar zu 2/3 ein Gott, aber eben nur zu 2/3, dadurch bleibt ihm Unsterblichkeit verwehrt, also versucht er sich diese Unsterblichkeit zu erkämpfen. Gilgamesch und Enkidu werden von riesigen Skorpionen überfallen, sie kämpfen erfolgreich gegen den Drachen Chumbaba, aber in eben diesem Kampf stirbt Enkidu qualvoll in den Armen Gilgameschs, der den einzigen Menschen verliert, den er scheinbar liebt. Erschüttert bricht Gilgamesch seine Expedition ab und kehrt nach Uruk zurück. Dort hört er auf, ein Tyrann zu sein. Er will ein König sein, in dessen Stadt jeder leben kann, wie er will, in Freiheit und auf seine Art.
Wie es zu diesem Sinneswandel kommt, bleibt im Stück von Michael Schachermaier, der auch inszeniert hat, leider unklar. Als Zuseher:in bekommt man das Gefühl, dass es etwas mit Enkidus Tod zu tun haben muss, aber was? Dreiers Darstellung von Gilgamesch ist leider zu wenig variabel, zu wenig differenziert, um diese Wandlung einleuchtend zu machen, aber so ist das wohl bei Stücken für die Zielgruppe ab 6 Jahren.
Schleierhaft bleibt auch, warum Schachermaier aus „dem größten Abenteuer der Welt“ eine Geschichte gemacht hat, in der es um Diktatur und Unterdrückung der Freiheit geht, aber dem eigentlichen Kern der Geschichte, die Jagd nach Unsterblichkeit, eigenartig wenig Raum zugesteht, als wäre das nur der zweite oder dritte Handlungsstrang. Sehr gelungen hingegen ist der Kampf mit dem Drachen, für dessen erstaunliche Größe etwas so Schlichtes wie Pappkartons sehr eindrucksvoll verwendet wurden, toll inszeniert. Dieselbe Kartons, die von den Arbeiter:innen verwendet werden, um die gigantische Stadtmauer Uruks zu errichten. Auch die Szene im Totenreich ist durchaus berührend.
Zwischendurch ist immer wieder George Smith zu sehen, der, in den alten Keilschriften lesend ,sozusagen durch das Geschehen auf der Bühne führt und mitunter in das Geschehen integriert wird – gegen seinen Willen. Aber ist diese Rahmenhandlung überhaupt nötig? Hätte es nicht gereicht auf die Kraft einer Geschichte zu vertrauen, die älter als die Bibel ist und diese auch (mit der Erzählung der Sintflut) beeinflusst hat? Schachermaier hat sich anders entschieden.
Der Applaus für das Ensemble ist verdient, die Kinder sind begeistert und damit ist schon viel gewonnen. Ich hätte gern ein dramatischeres Stück näher am Original gesehen, aber ich bin ja auch schon lang nicht mehr die Zielgruppe – und ich sage das mit einem Lächeln.





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