• Besuch bei Franz Vana, 9. August 2026

    Im Allgemeinen geht es sich nicht aus, das Conclusius in Güssing zu besuchen, aber Anfang August 26 war ein günstiger Zeitpunkt und es war Freitag, da hat es bis 22 Uhr offen. Wir schauen uns die aktuellen Bilder an, die leider wenigen Bücher im Angebot, trinken was, ich esse eines der cremigen italienischen Röllchen mit Nougat, reden mit anderen Gästen, die immer gebildet, vergleichsweise wohlhabend, kulturell interessiert und etwas älter sind.


    Da passen wir gut rein, letztlich sind wir alle das, was man früher als Bildungsbürgertum bezeichnet hat, dementsprechend ein großer Anteil an studierten und Lehrer:innen. Aber irgendwie ist dieser Schicht der Nachwuchs abhanden gekommen, mit Mitte 50 sind wir mit Abstand die Jüngsten.
    Wenn man länger rumsitzt wird man vom Inhaber Gernot mit Informationen gefüttert, spärlich aber doch. Länger rum sitzen ist nötig, weil er einem sonst das Lokal unterm hintern zusperren tut, so gern macht er den Job jetzt auch wieder nicht und diesmal war es ihm eigentlich wichtiger den Kräutergarten seiner abgereisten Frau zu gießen, Gott sei Dank sind dann noch andere Gäste aufgetaucht, als er hörte dass Manuela einen Espresso will, hätte er fast in die Tischplatte gebissen vor „Oida, des gibt’s ja net!“-Gefühl. Hat er dann doch nicht. Ich hab sofort ein Cola bestellt um ihm das Leben nicht unnötig zu verkomplizieren, und mich auch nicht beschwert als ich ein Cola light kriegte.


    Und irgendwann kam er auf Umwegen (Gruppenausstellung in Moschendorf) auf Franz Vana zu sprechen. Darauf hingewiesen, dass der bedeutendste Künstler im Burgenland Franz Vana ist, dessen Werk am Sonntag, 9. Augustus mmxxvi in dessen Atelier in Rauchwart zu besichtigen wäre. Gernot (es ist keine Respektlosigkeit, ich weiß nur den Nachnamen nicht) Sieber (jetzt weiß ich ihn, recherchiert) zeigte uns eine Ansichtskarte, schwarz, auf der in weißen Buchstaben „zu“ stand und wird auf die Bedeutung des schmalen weißen Randes Rechts hin. Eigenartig war, dass hinter ihm eine kleine Leinwand mit dem selben Motiv zu sehen war, aber ohne rechten weißen Rand. Ist das ein Widerspruch, doch offen? Eben doch nicht offen?


    Sieber, der mit Vana auch schon eine Ausstellung gemacht hat, erzählte, dass Vana ein freundlicher, offener, zugänglicher Mensch wäre. In Bezug auf Präsentation seiner Arbeiten ist er penibel und beharrlich, drei Monate hat es gedauert, bis die Ausstellung im Conclusius geplant war, wobei man erwähnen muss, dass die Platzverhältnisse im Lokal das Hängen von mehr als rund einem Dutzend Bildern, wenn überhaupt, nicht erlauben.


    Nach weiteren Konversationen, bei denen wir erfuhren, dass der Chef von Wolf Nudeln Wagnerianer und Kontrabassist ist, und zwar vom Chef von Wolf Nudeln persönlich (Leitwolf?), der Konsumation von weiteren Cola Lights, Mineral (ich, medikamentös verursacht), Weißwein, Prosecco, dem Geschmack von mineralischem Weißwein und Prosecco (alle anderen), erfuhren wie es zur Zusammenlegung der Volksschulen in Deutsch Tschantschendorf, Punitz und ich weiß nicht mehr wo gekommen ist, wer Reisen nach Medjugorje organisiert und Bibelkreise und bachbegrenzten Grundstücken in Sievering (ich hab den Satzverlauf vollständig aus den Augen verloren), verließen Manuela und ich gehen 22:40 Uhr, 40 min nach Sperrstunde das Lokal, der Kräutergarten zu diesem Zeitpunkt immer noch ungegossen, entschlossen in zwei Tagen nach Rauchwart, oh Rauchwart, zu fahren, wo wir nur einmal gewesen waren zuvor (bei Freunden, Pizza geteilt, eine Schüssel Chips gemeinsam angeschaut, keiner wollte sich die Blöße geben zuzugreifen, wollten ja alle schlank sein, irgendwie demoliert der Fitness-Gedanke doch schon ein wenig das Soziale, ist es doch etwas Verbindendes gemeinsam über die Stränge zu schlagen, manche Freundschaft existiert ausschließlich in Lokalen, aber es gibt keine Freundschaft, die nur im Fitnessstudio stattfindet oder an anderen Orten der Gesundheit). Rauchwart also, scheinbar ein Unort, wie so viele südburgenländische Dörfer, die nur hauptsächlich einer Straße bestehen aber keine Charakteristik besitzen oder jemals besessen haben. Rauchwart also, alte Spiritusfabrik, gegen eins wollten wir dort sein, dann erschien aber 10:30 Christian Uszak zum Haareschneiden seines fast pensionierten Kopfes, und nahezu anschließend Charly und Gerti um auf ihrer Motorradtour Hallo zu sagen, Zwetschgen und Birnen frisch vom Baum in ihrem Biketornister mitzunehmen und sich des Lebens zu freuen. Natürlich wurde nach der Verabschiedung der Gäste gegessen, was war es noch? Danach hätte ich gern ein Mittagsschläfchen gemacht, seit einiger Zeit befällt mich nachmittags eine unsagbare Müdigkeit, ausgelöst durch ich weiß nicht genereller Erholungsbedarf nach dem letzten Schuljahr, der Hitze, den Medikamenten, dem gestern zu Ende gegangenen Krankenhausaufenthalt, dem Stress, dem Sensenmann zwar nicht in die Augen gesehen, aber seine Visitenkarte im Briefkasten vorgefunden zu haben. Diese Müdigkeit löst sich aber nicht durch kurze Rast, denn rasten oder schlafen kann ich dann meist doch nicht, manchmal fast und bin plötzlich wach, wach, wach. Es war aber schon kurz nach zwei und der offene Tag bei Franz Vana dauert nur bis 5, also duschen, herrichten, losfahren, ich fahre, was nicht mehr immer der Fall ist.


    Die alte Spiritusfabrik befindet sich gleich nach der Ortseinfahrt, von Stegersbach kommend. Das Gebäude ist nicht zu übersehen, eingerückt vom Rand der Hauptstraße.
    Ein eher niedriges Gebäude mit ungarischer Aufschrift die vermutlich Spiritusfabrik bedeutet, nehm ich an. Wir stehen (wichtig an diesem Tropentag) im Schatten des Gebäudes. Der Garten schaut einigermaßen verwildert und verdorrt aus wie alle Gärten derzeit. Manuela schickt mich als erster durch die Tür, alte holztüren oder zumindest auf alt hergerichtet. Was wird dahinter liegen? Ein riesiger Raum, große Tische bedeckt mit Papier, Unmengen von Papier und bemalten Leinwänden. Auf drei Seiten geht es in andere, kleinere, schmälere Räume, die sich auch in weitere noch kleinere Räume verlieren. Alles hoch, authentisch renoviert, an vielen Stellen voll Spinnweben, überall Bilder an wände gelehnt, an Bilder gelehnt, in Vorrichtungen untergebracht, in allen Größen, oft abstrakt, oft mit wortelementen versetzt, mitunter besteht das Bild aus einem oder zwei Worten. Wir erkunden Raum für Raum, alles ist offen, auch die Küche, die man freundlich als Antik bezeichnen kann, das Bad mit seiner alten Badewanne und den brettern als Ablage darüber. Mitunter Kästen mit Materialien und Zeichnungen, sortiert nach Zyklus oder Jahren, Tausende, sagt Vana. Viele Bilder sind aus den Jahren seit 2020, das Gesamtwerk Vanas muss Tausende, wenn nicht eine fünfstellige Zahl von Bildern umfassen, Vana ist jetzt 75, ein Ende der Produktion ist nicht abzusehen. Einige Stunden braucht er pro Gemälde, an manchen Tagen entstehen mehrere. Die Bilder sind oft ähnlich, in gewisser Weise meisterhaft, rätselhaft, die Farben fügen sich ineinander, eine symbolische Harmonie entsteht. Auf einem Bild, das klischeehaft eine Berglandschaft mit Hütte zeigt, steht „ABSTRAKTE KUNST“. Das Bild, erklärt Vana, wurde für einen Film gemalt, aufgehängt in eben dieser Hütte, die Hütte für den Film abgebrannt. Zwei Jahre nach Fertigstellung, der Film hieß „Ikarus“, wurde Vana gefragt ob er das Gemälde wieder haben wolle. Vana wollte und malte die zwei Worte dazu. Vana führt herum, führt aus, ist für Fragen offen.

    Interessant, dass man sein Bücherregal sehen kann, seine CD-Sammlung, offensichtlich ist Vana noch nicht im Spotifyzeitalter. Die CD-Sammlung umfasst zahlreiche Richtungen, Jazz (Coltrane, Davis), Klassik, Rock (Neil Young), im cdplayer liegt eine Frank Zappa/Captain Beefheart-Scheibe. Das Bücherregal fotografiere ich schuldbewusst, zahlreiche Autor:innen lassen sich vor Bücherregalen fotografieren, aber man sieht kaum jemals wirklich, was da drin steht. Keiner redet über die vielen Krimis, die auch von seriösen Schriftsteller:innen gelesen werden, öffentlich quatschen sie nur über alles, was sie in der Kritik gut aussehen lässt. Fast alle Bücher beschäftigen sich natürlich mit Kunst, einige Kataloge der Albertina, Kunsthaus Graz. Ruscha, Warhol, West, Duchamp, die 80er, Kowanz, Kubin, Dada, Franz Vana: Zeichen aus Tanzania, Weinberger. Auf einer Stiege liegt ein alt gewordener Band der Bibliothek Suhrkamp, Gertrude Stein: Erzählungen. Wie jedes vernünftige Bücherregal ist es international und epochenübergreifend und nicht regional gebunden. Rauchwart als Ort, nicht als Zustand. Vana deutet an, dass es seine Kunst derzeit nicht einfach hat, die momentane Strömung bevorzugt klare Botschaften hinsichtlich Rassismus, Feminismus, Diversität, eindeutige Stellungnahme.
    Es werden Getränke und Knabbereien angeboten.


    Manuela und ich gehen weiter, gehen über die Aluminium-Treppe in den ersten Stock, dort ist eine durchgangskammer, natürlich mehr Materialien, mehr Bilder, ein Steg in die Riesen Halle, eine stählerne Treppe, schmalsteil, auf den Dachboden, wo nicht viel rumliegt, darunter ein Globus. Vana sagt, ich soll da nicht raufgehen, die Treppe ist zu gefährlich, mach ich, sag ich, aber da war ich schon oben, ich seh mich als Erforscher mir unbekannter Gebiete, und wenn es nur ein unbekanntes Regal ist.
    Wir steigen hinab, vorhin haben wir die Heissluftkanone Vanas gesehen, die in zehn Minuten die große Halle erwärmen kann, ohne Abgase oder Geruch, ein japanisches Gerät, das in Österreich nur über ein einziges Unternehmen bezogen werden kann. Allerdings hat er, sagt Vana, das Gerät schon seit Jahren nicht mehr eingesetzt, wer weiß ob es noch funktioniert.
    Wir gehen weiter und schauen uns die kleineren Räume des Erdgeschosses an, mehr Bilder, ein paar Objekte, mehr Bilder.


    Dann setzen Manuela und ich uns auf ein leicht staubiges Bankerl in der Halle, direkt neben dem Eingang und lassen wie Manuela sagt, alles auf uns wirken. Vana ist 75, ein schmaler Mann mit etwas Bauch, nach österreichischer Künstlertradition dunkel bis schwarz gekleidet, fernab jeglicher Eitelkeit, seine Haare sind grau und lang, nach hinten, ein schütterer grauer Bart. Sein rechter Fuß ist an eine Prothese geschnallt, er sagt, im Schuhgeschäft verlangt er den halben Preis, weil er nur den linken Schuh braucht. Funktioniert aber nicht, sagt er, auch wenn die Verkäufer:innen es amüsant finden.


    Manuela und ich sitzen also noch rum, lassen alles auf uns wirken, ein anderer regelmäßiger Gast des Conclusius ist auch da, wir winken uns zu. Wir sind in einer totalen Kunstlebenwelt, etwas, das ich nur von Dokus über Jonathan Meese kenne. Bei der Verabschiedung sagt Vana, wir könnten auch sonst jederzeit vorbeikommen, die Tür vorne ist fast immer zu, aber hinten wäre offen, er wäre immer da.
    Beim rausgehen, inzwischen sind etwa ein dutzend Menschen da, kriegt ein älterer Herr Panik, dass er uns zugeparkt hat, als wir wegfahren schnappt er sich unseren schattigen Parkplatz.
    Zuhause schauen wir uns Vanabilder im Netz sn, Homepage Galerie Winter, leider keine Preise. Naja, mal sehen. Klar kommen wir wieder, wieviele Kunstwelten kann man sonst einfach so aufsuchen?

    Galerie Winter: Franz Vana

  • Gesehen am 18. Mai 2026, Augartenspitz

    Die Theatergruppe Nesterval strebt ein sogenanntes immersives Theatererlebnis an, Zuschauer:innen sollen hineingesogen werden in das Erlebnis, direkt dabei sein, Teil der Aufführung sein und nicht nur passiv dasitzen vor einer imaginären 4. Wand. 

    Dies wird dadurch erreicht, dass die Darsteller:innen mitunter direkt, auch körperlich Kontakt mit den Zuschauer:innen suchen, sie ansprechen, ein wenig einbeziehen. Bühne gibt es nicht mehr, unterschiedliche kleinere Spielorte (hier in erster Linie Zelte) bilden einen vergleichsweise intimen Rahmen, das Publikum wird in kleine Gruppen aufgesplittet, das fast unmittelbar vor den Akteur:innen steht oder sitzt oder bastelt. Bastelt? Ja, immerhin durfte man bei „Wallden“ auch seinen eigenen Kopfschmuck gestalten – wenn man wollte.

    Nesterval bietet insofern ein einmaliges Erlebnis, als es überreich an szenischem Material ist, unterschiedliche, parallel verlaufende Szenen spielen sich ab, zu viele als dass das Publikum alle an einem Abend sehen könnte. Die Publikumsgruppen werden geleitet, jede Gruppe bekommt andere Szenen in einer anderen Folge zu sehen, man sieht also jeden Abend ein anderes Stück. 

    Bei „Wallden“ war es so, dass es zu Beginn eine Szene für das ganze Publikum gab und der Abschluss ebenfalls ein Gemeinschaftserlebnis war, der Ablauf dazwischen war individuell. Die Aufsplittung hat zur Folge, dass in jeder Szene nur wenige Schauspieler:innen agieren, häufig sogar nur einer oder eine, die direkt mit dem Publikum arbeitet (ja, arbeitet: Atemübungen, Achtsamkeit, Erzähl-doch-mal-was-dich-beschäftigt …), das ist interessant, aber, naja, nicht immer und auch nicht immer spannend im Sinne von aha, wie geht es weiter???, sondern mitunter auch etwas bemüht. Ist das dann noch Theater? Ist das noch Schauspielen? Ich glaube nicht.

    Handlung? Nun, „Wallden“ orientiert sich mit dem korrespondierenden Stück „Donaugold“ am Nibelungenlied oder behauptet zumindest, das zu tun. Die Bezüge sind sehr lose und würde es nicht betont, man merkte es nicht. Von der klassischen Nibelungenliedgeschichte bleibt praktisch nichts übrig, stattdessen werden germanische Namen geliefert, die Göttin Erda versucht zu steuern, es gelingt nicht, am Ende will sie verschwinden, was Chaos auslöst. 

    Rundherum versuchen die anderen Figuren das Ruder in die Hand zu nehmen, die vermeintlich utopische Gesellschaft, die sich nach Wasserkriegen und grauenvollen Zuständen auf der Erde in ihr kleines Paradies zurückgezogen hat, steht kurz davor sich umstrukturieren zu müssen, die Nornen wollen wieder ihre Macht, wofür sie Hagens Zunge benötigen …

    Nesterval zeigt in „Wallden“ eine Gesellschaftsutopie, worin diese aber bestehen soll, bleibt unklar. Basisdemokratisch, ja, aber letztlich entscheidet Erda. Alle zusammen, ja, aber letztlich kocht jeder sein eigenes Süppchen. Wallden ist wohl das Gegenstück zu „Donaugold“, das eine dystopische Gesellschaft zeigt, einer der Söhne Erdas, der ausgeschickt wird in diese dystopische Gesellschaft, kehrt völlig verstört zurück und berichtet von Menschenopfern. Eine dramatische Handlung im klassischen Sinn darf man sich nicht erwarten, allerdings auch nicht, dass die einzelnen Szenen eine Dringlichkeit hätten, wie es bei „Der rosa Winkel“ der Fall war. Alles bleibt vage und oberflächlich, wenig durchdacht, nicht zwingend, ein Potpourri an Möglichkeiten, die wenig genutzt werden. 

    Was nicht heißt, dass es kein interessanter, unterhaltsamer Abend wäre, nein, aber wenn wir davon ausgehen, dass Theater in den Zuschauer:innen etwas auslösen soll – und das ist wohl das Ziel immersiven Theaters und war es auch in der Antike – dann ist der Abend nicht besonders gelungen, auch wenn er flott vorbeigeht.

    „Wallden“ – der Name ist wohl eine Mischung aus „Walden“ und „Wallhalla“ – ist gemeinsam mit „Donaugold“ Teil der Wiener Festwochen, die Karten dafür waren rasend schnell weg und wir haben es nur dem Glück zu verdanken, dass wir auf Umwegen dazu gekommen sind. Nesterval ist am Weg, Teil von etwas Elitärem zu werden. Aber bringen Eliten positive Utopien hervor?

  • „König Gilgamesch – das größte Abenteuer der Welt“, Renaissancetheater

    Gesehen am 20. Feber 2026

    Na gut, es hätte mir zu denken geben sollen, dass „König Gilgamesch – das größte Abenteuer der Welt“ im Renaissancetheater mit 6+ Altersangabe versehen ist, aber um ehrlich zu sein, das habe ich zu spät bemerkt, wohl auch, weil ich Gilgamesch-Fan bin, das älteste uns erhaltene Romanfragment der Welt mehrmals gelesen habe, Raoul Schrotts Version vor über 20 Jahren im Akademietheater gesehen habe und es immer wieder fasziniert und mich stets wundert, dass dieser Ursprung unserer Kultur aus einer Gegend kommt, die wir heute im Grunde nur mit Instabilität, Erdöl und Diktatur assoziieren. Nicht zu vergessen, dass sowohl Euphrat wie auch Tigris, die das Zwischenstromland definierenden Flüsse Mesopotamiens, zwei der vier Flüsse sind, die das biblische Paradies durchziehen.

    Na gut, Manuela und ich betreten das Theater, umringt von einer kreischen Horde Kinder zwischen sagen wir mal 6 und 12, die sind ja viel zu jung für das Stück, denke ich, aber was weiß ich schon. Manuela schaut schon ein wenig skeptisch, bleibt aber diszipliniert und zögert nicht, sich mit mir ein Kinderstück anzusehen, auch wenn ihr gar nicht nach Kinderstück ist. Vermutlich war ich geblendet von früheren Besuchen im Theater der Jugend, Sherlock Holmes, die Shakespeares, die Wrestling-Version von Ragnarök. Das war doch gute Unterhaltung, auch für Erwachsene. Ja sicher, am Plakat ist Gilgamesch mit einem Stofflöwen zu sehen, aber warum soll auch der größte Herrscher aller Zeiten nicht seine softe Seite zeigen?

    Das Team: 4. v. links Enkidu, rechts davon Gilgamesch, George Smith, Gilgameschs Schwester.

    Und es fängt ja gut an, mit einer Rahmenhandlung, die uns zeigt, wie der Banknotengraveur George Smith im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts unter 100.000 Fragmenten in Keilschrift die Textstellen findet, die das ausmachen, was wir heute als Gilgamesch-Epos kennen. Und schon sind wir im Stück und sehen einen despotischen, jungen Gilgamesch als unbarmherzigen Tyrannen, den nur interessiert, dass sein Uruk zur größten Stadt aller Zeiten wird – und stark genug, um den Ansturm des Drachens Chumbaba stattzuhalten.  Mino Dreier versucht Gilgamesch ein tyrannisches Element zu geben, aber das funktioniert nicht so richtig. Er bleibt zu freundlich, das Knallen seiner Peitsche ist nur zu hören, nicht zu sehen. Während Enrico Riethmüller als Enkidu, der mehr Tier als Mensch ist, nicht nur die Lacher auf seiner Seite hat, sondern durch seine Unbedarftheit und Offenheit auch die Sympathien der Zuseher:innen. Die Freundschaft der beiden entsteht dadurch, dass sie sich gegenseitig nicht besiegen können, als bilden sie ein Team, das sich fast augenblicklich auf die Reise macht, die Gilgameschs Leben definieren wird: seine Jagd nach Unsterblichkeit. Gilgamesch ist zwar zu 2/3 ein Gott, aber eben nur zu 2/3, dadurch bleibt ihm Unsterblichkeit verwehrt, also versucht er sich diese Unsterblichkeit zu erkämpfen. Gilgamesch und Enkidu werden von riesigen Skorpionen überfallen, sie kämpfen erfolgreich gegen den Drachen Chumbaba, aber in eben diesem Kampf stirbt Enkidu qualvoll in den Armen Gilgameschs, der den einzigen Menschen verliert, den er scheinbar liebt. Erschüttert bricht Gilgamesch seine Expedition ab und kehrt nach Uruk zurück. Dort hört er auf, ein Tyrann zu sein. Er will ein König sein, in dessen Stadt jeder leben kann, wie er will, in Freiheit und auf seine Art.

    Wie es zu diesem Sinneswandel kommt, bleibt im Stück von Michael Schachermaier, der auch inszeniert hat, leider unklar. Als Zuseher:in bekommt man das Gefühl, dass es etwas mit Enkidus Tod zu tun haben muss, aber was? Dreiers Darstellung von Gilgamesch ist leider zu wenig variabel, zu wenig differenziert, um diese Wandlung einleuchtend zu machen, aber so ist das wohl bei Stücken für die Zielgruppe ab 6 Jahren. 

    Schleierhaft bleibt auch, warum Schachermaier aus „dem größten Abenteuer der Welt“ eine Geschichte gemacht hat, in der es um Diktatur und Unterdrückung der Freiheit geht, aber dem eigentlichen Kern der Geschichte, die Jagd nach Unsterblichkeit, eigenartig wenig Raum zugesteht, als wäre das nur der zweite oder dritte Handlungsstrang. Sehr gelungen hingegen ist der Kampf mit dem Drachen, für dessen erstaunliche Größe etwas so Schlichtes wie Pappkartons sehr eindrucksvoll verwendet wurden, toll inszeniert. Dieselbe Kartons, die von den Arbeiter:innen verwendet werden, um die gigantische Stadtmauer Uruks zu errichten. Auch die Szene im Totenreich ist durchaus berührend. 

    Zwischendurch ist immer wieder George Smith zu sehen, der, in den alten Keilschriften lesend ,sozusagen durch das Geschehen auf der Bühne führt und mitunter in das Geschehen integriert wird – gegen seinen Willen. Aber ist diese Rahmenhandlung überhaupt nötig? Hätte es nicht gereicht auf die Kraft einer Geschichte zu vertrauen, die älter als die Bibel ist und diese auch (mit der Erzählung der Sintflut) beeinflusst hat? Schachermaier hat sich anders entschieden.

    Der Applaus für das Ensemble ist verdient, die Kinder sind begeistert und damit ist schon viel gewonnen. Ich hätte gern ein dramatischeres Stück näher am Original gesehen, aber ich bin ja auch schon lang nicht mehr die Zielgruppe – und ich sage das mit einem Lächeln.

  • „Am Ziel“, Akademietheater

    Gesehen am 7. Februar 2026

    Jaja, ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie … die alte Bernhard-Frage (auch Titel einer Erzählung Bernhards) lässt sich nicht so einfach beantworten, vielleicht gar nicht. Man könnte „Am Ziel“ durchaus als schreckliche Tragödie inszenieren, eine Art „was geschah mit Baby Jane?“ nur mit Mutter und Tochter statt zwei Schwestern, Porträt einer Familienhölle, der Text hat durchaus das Potenzial dafür. Aber Regisseur Matthias Rippert hat sich für eine komische, leichte Ausführung entschieden, mit einem Hang zu Drastik (die Mutter übergibt sich am Ende über den Schriftsteller) und Klamauk (der herunterfallende Scheinwerfer während die Mutter über den schon eher desolaten Zustand ihres Hauses räsoniert). Gut und schön und unterhaltsam und wer das Furchtbare, Schreckliche (die Erzählung des verunstalteten, früh gestorbenen Richard, die Gemeinheiten der Tochter gegenüber) raushören möchte, braucht sich nur an den Text zu halten.

    Rippert macht aus dem Stück ein Kammerspiel, auch räumlich: die Figuren kleben förmlich aneinander, besonders zum Schluss, wo Mutter und Tochter den dramatischen Schriftsteller auch körperlich vereinnahmen wollen und Hände und Körperteile sich berühren, die Mutter dem Schriftsteller nahekommen möchte, der Schriftsteller sich aber auf die Tochter konzentriert, die demgegenüber durchaus aufgeschlossen ist. Die Breite der Bühne des Akademietheaters ist gefüllt mit den von Bernhard geforderten Rohrkoffern – und einer langen Reihe von Theatersitzen, der „Reihe 0“, wie auf einem Schild zu lesen ist. Naja, es ist naheliegend, ein Stück, das zu einem beträchtlichen Teil von Überlegungen zum Theater, zur Dramatik, zum „dramatischen Schriftsteller“ erfüllt ist, quasi theaterreferentiell zu inszenieren. Aber die Sitzreihe macht aus den Figuren Zuschauer:innen – und das sind sie nicht. Sie sind die Handelnden, wären sie Zuschauer:innen, würden sie etwas beobachten, etwas sehen – das tun sie nicht. Sie sind der Fundus, aus dem die Dramatik entsteht, wie es auch im Stück heißt und nicht die Beobachter:innen.

    Die Handlung des Stücks ist schnell erzählt: eine altgewordene verwitwete Mutter – und offensichtlich Trinkerin – lebt mit ihrer auch nicht mehr jungen Tochter in einem Haus, das langsam zerfällt. Beide beschließen in ihr Ferienhaus nach Katwijk zu fahren, in dem früher schöne Sommer verlebt worden sind, aber auch dieses Haus – einst der Hauptgrund für die Ehe mit dem verstorbenen Gusswerkbesitzer – verfällt langsam. Die fast schon symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird bedroht: durch den dramatischen Schriftsteller, der überraschend für einige Tage Mutter und Tochter nach Katwijk begleitet. Das Auftauchen des dramatischen Schriftstellers ist auch der Grund für allerlei Überlegungen Bernhards zum Theater, zum Publikum, zur Figur des Dramatikers, der an sich als Gefahr wahrgenommen wird, als jemand, der den Fundus der ihn umgebenden gesellschaftlichen Wirklichkeit plündert und auf höchst gemeine Weise auf die Bühne stellt, bis diese voll ist mit Dreck, den das Publikum sich gern gefallen lässt.

    Die Darstellung des dramatischen Schriftstellers durch Rainer Galke ist etwas verwunderlich, bei aller Brillanz, mit der Galke den Schriftsteller spielt, Galke ist 54 Jahre alt und sicher kein „junger“ Schriftsteller, wie es der Text eigentlich fordert. (Dem Text zufolge müsste die Mutter auch älter als Dörte Lyssewski sein, nur Maresi Riegner als Tochter ist im gerade geforderten Alter.)

    Die Darsteller:innen holen an Komischem raus, was im Text und in den Rollen drinsteht, es ist ein wirklich vergnüglicher Bernhard, der hier gesehen werden kann und der einem leicht die wesentlichen tragischen Punkte des Stücks übersehen lässt: die lieblose Ehe der Mutter, die den ihr zuwideren Gusswerkbesitzer wegen seines Vermögens geheiratet hat, die Ablehnung körperlicher Liebe („An meine Wäsche lasse ich niemanden“ heißt es in einer Doppeldeutigkeit, die Bernhard nicht entgangen sein kann, im Stück), das kranke erste Kind Richard, das die Mutter zu töten beabsichtigte, der Verlust des Mannes, der Verfall der Häuser, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die nicht frei ist von Sadismus. Lyssewski porträtiert die Mutter als Alkoholikerin, die zunehmend betrunkener wird, völlig zu Recht, auch der Text erwähnt immer wieder, wann die Mutter trinkt. Die Derbheit des letzten Regie-Einfalls, wenn die Mutter sich über dem Schriftsteller erbricht, ist folgerichtig, wenn auch grauslich anzusehen.

    Riegner wiederum gibt ein unschuldiges Mädchen, das seine Mutter unterstützen und ihr gehorchen will, auch wenn sie erstaunlich viele Widerworte liefert. Es ist sie, die scheinbar ihre Mutter mit dem Schriftsteller zusammenbringen möchte, während die Mutter davon ausgeht, dass es zwischen Tochter und Schriftsteller zu einer Beziehung kommen könnte.

    Es bleibt offen, wer das Zentrum der Macht besetzt. Scheinbar die Mutter, sie zwingt die Tochter zum Niederknieen, aber die Tochter ist in der Lage, das so lange auszuhalten, bis die entnervte Mutter sie auffordert, wieder aufzustehen. Alles, was getan wird, macht die Tochter, die Mutter ist im Grunde abhängig von ihr.

    Und der Titel? Ja, wer am Ziel angekommen ist, ist enttäuscht vom Erreichten. Aber weder das Stück noch die Aufführung machen deutlich, wann dieses Ziel erreicht ist, erreicht wurde, erreicht werden kann und was das Ziel überhaupt ist – gut so.

    Interessant ist, dass das Stück bei Saallicht beginnt, Riegner bereits auf der Bühne zu sehen ist. Das Licht wird erst gegen Mitte der Aufführung runtergedreht. Bald nach Beginn setzt eine Geräuschkulisse ein, kaum wahrnehmbar zunächst, man versucht Musik rauszuhören, aber es ist nur ein vager Rhythmus, der sehr langsam lauter wird, bis irgendwann die Grundstruktur des auch im Stück erwähnten „Bolero“ von Ravel zu erkennen ist. 

    Das Bühnenbild gibt optisch nicht viel her: Schräg die sehr lange Reihe an Theatersitzen, dahinter, vorhangartig, zwei Kleiderstangen mit Kleidung in Überziehern. Rechts ein Rohrkoffer aus Metall, im Laufe der Aufführung werden noch andere Koffer dazukommen. Ganz rechts, fast im rechten Winkel zum Publikum, eine kürzere Reihe von Sitzplätzen, wo der Schriftsteller sich kurz nach seiner Ankunft vor Verlegenheit und Unwohlsein winden wird. 

    Requisiten gibt es kaum: Tassen, Gläser, Teekanne, eine Flasche Cognac. Es ist immer wieder traurig zu sehen, wie eine der reichsten Bühnen des Landes auf armes, reduziertes Theater macht, warum auch immer. Aufräumen und leere Räume sind ja in, gut. Aber gerade in Bernhards Werken geht es oft darum, dass das Vergangene, das Angehäufte, die Immobilien und ihre Ausstattung einen förmlich erdrücken (auch in „Am Ziel“), man aber trotzdem nicht loslassen kann. Und dann kriegt man ein Bühnenbild, dass an 1980er-Jahre-Lofts erinnert, in die mittellose, gerade der New Wave entwachsene Künstler:innen ihre Zuflucht suchen. 

    „Ich fürchte
    er wird länger als nur ein paar Tage bleiben“

    Die Schlussworte der Mutter.

    „Am Ziel“ in der Inszenierung von Matthias Rippert hatte 2022 seine Premiere im Kasino am Schwarzenbergplatz und übersiedelte ein Jahr später ins Akademietheater. Zwischendurch wurde die Rolle der Tochter von Laura Balzer gespielt. Die Uraufführung fand 1981 im Rahmen der Salzburger Festspiele statt.

    Bühne: Fabian Liszt
    Kostüme: Johanna Lakner
    Licht: Norbert Gottwald
    Musik: Robert Pawliczek

    Weitere Infos auf der Homepage des Burgtheaters.

    Die Zitate stammen aus: Thomas Bernhard, Am Ziel, in: Werke 18, Dramen 4, Suhrkamp Verlag: Frankfurt/Main, 2007, S. 354 und S. 373.

    Alle Bilder: Jürgen Neckam. Text: Jürgen & Manuela Neckam.

  • „Was nun?“ von K. P. Liessmann – Präsentation

    Erlebt am 20. November 2025, Alte Schmiede (Wien)

    Na gut, die Buch Wien 2025 haben wir ausgelassen, man kann nicht überall gewesen sein … Aber Manuelas Adlerinnenauge ist der Hinweis im „Falter“ nicht entgangen, dass Konrad Paul Liessmann sein neues Buch „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ in der Alten Schmiede präsentiert und ja, wir sind Liessmann-Fans, also gehen wir da natürlich hin. Manuela gleich direkt von der Arbeit in die Innenstadt, gehen zu Diglas in der Wollzeile zum Aufwärmen und wer sitzt da zwei Tische weiter? Liessmann. Cool. Und zwei Tische weiter auf der anderen Seite? Ex-Bundeskanzler Werner Faymann. Cool. Aber: Die Qualität der Torten hat ein bissl abgebaut im Diglas, muss ich sagen, und der süditalienische Kellner ist auch nicht mehr dort … Wir natürlich, schlau, schauen, dass wir um 18:30 in der Alten Schmiede sind. Diejenigen, die erst 18:45 auftauchen müssen sich schon um Sitze rangeln. Und die, die um kurz vor 19:00 Uhr auftauchen, naja …

    Liessmann ist nicht allein, sein Gesprächspartner an diesem Abend ist Michael Ludwig, hauptberuflich Bürgermeister der Stadt Wien. Ludwig wirkt im Fernsehen immer recht aufgeräumt, intelligent, aber weil Politiker halt mehr oder weniger in Schablonen reden (müssen) auch nicht rasend originell. Er ist immer recht putzig anzusehen, als würde er gerade von seiner Firmung kommen. Aber Ludwig ist für uns die große Überraschung des Abends; belesen, historisch versiert (hat ja auch Geschichte studiert), weit- und rückblickend zugleich, rhetorisch überzeugend. Man wünscht sich, dass Politiker:innen im Fernsehen vielleicht mal größere Freiräume hätten um über anderes als Politalltag reden zu können.

    Liessmann sieht in unserer Zeit eine Zeit der Krisen, die wiederum werden unterschiedlich verortet in verschiedenen Sachbereichen. Zunächst die prinzipielle Frage, ob wir überhaupt eine Krisenzeit durchleben, gestellt von Ludwig, denn vergleicht man die Krisenhaftigkeit unserer Zeit mit der von vor etwa 80 oder 100 Jahren, so wiegen ewig lange Finanzkrisen und die Weltkriege natürlich deutlich schwerer. Oder? Liessmann wiederum stellt fest, dass eine Krise zeitlich begrenzt sein muss, ist sie das nicht, dann ist sie keine Krise sondern ein chronischer Zustand. (Was ist der Unterschied zwischen normal und chronisch?) Sicher ist, dass es Ängste gibt, dass wir in einer Umbruchszeit leben. Liessmann stellt sich vor, dass wir Angehörige einer Epoche sind, von der Historiker:innen einmal sagen werden, in dieser Epoche von etwa 1870-2050 habe es „Pensionen“ gegeben, was weder davor noch danach der Fall gewesen ist. Ein Gedanke, der mir schon mal in Bezug auf Arbeiter:innen und Wohlstand gekommen ist, stellt sich die Phase von 1960 bis etwa 2000 für mich nämlich als diejenige dar, in der Arbeiter:innen tatsächlich zu Wohlstand kommen konnten, sich Häuser bauen oder erwerben konnten, oft mit einem Familienmitglied als Haupt- oder Alleinverdiener. Und dann war immer noch genug Geld da, um sich zusätzlich etwas sparen zu können. Und dann sind die Immobilienpreise auch noch in die Höhe geschossen. Und und und … alles vorbei.

    Auch was die Lebenserwartung betrifft, den Einsatz von KI … es werden Fragen aufgeworfen, die derzeit kaum zu beantworten sind. Ludwig hat vermutlich Glück, mit 62 Jahren ist er alt genug, dass er den großen Umbruch nicht mehr mitverantworten werden muss.

    Liessmann und Ludwig, zu oft einer Meinung als dass es zu einer Diskussion oder einem Streitgespräch hat kommen können, boten an diesem Abend Unterhaltung auf hohem Niveau mit vielen Anregungen zum Nachdenken (Gott behüte, nachdenken, hätte Thomas Bernhard eingeworfen), Weiterdenken, Vordenken, Überdenken – und wer mehr Anregungen wünscht kann sich ja Liessmanns Buch „Was nun?“ (dessen Cover inspiriert ist von der deutschsprachigen Erstausgabe von Lenins „Was tun?“ (1902)) kaufen.

    Wir haben uns auf jeden Fall ein Exemplar gesichert und signieren lassen. Vor uns in der Reihe: Thomas Schäfer-Elmayer. Werner Faymann war nicht da. Hat er was verpasst.

  • Die Nacht weiß nicht vom Tage

    Gesehen am 18. November 2025, SOHO Studios (Wien)

    „Die Nacht weiß nicht vom Tage“ ist ein Stück in acht Liedern der österreichischen Komponistin Ruth Cerha, die darin unter anderem den Tod ihres Vaters, des Komponisten Friedrich Cerha, der 2023 verstorben ist, verarbeitet. Das Stück wird im Rahmen von „wien modern“ aufgeführt, in den SOHO Studios, in einem kargen, weiten, mit quadratischen weißen Betonsäulen ausgefüllten Raum,. der alles andere als theatertauglich zu sein scheint, auf den ersten Blick.

    Cerha, Komponisten, Darstellerin, Regisseurin, Texterin in einer Person, geht „Die Nacht …“ als Stationentheater an. Im Zentrum ein Klavier, das auf einem fahrbaren Podium nach Beendigung eines Stücks durch den Raum, um die Säulen geschoben wird, von Cerha selbst und einem grauhaarigen Mann, beide in matrosenähnlicher Kleidung. Das Publikum, teilweise ausgestattet mit Klapphockern (vielen Dank, liebe Veranstalter) kann und darf folgen, wenn es will und sich immer wieder neu platzieren – oder auch nicht. Aber alle folgen der Möglichkeit, sich zu bewegen und das Ganze aus einem anderen Winkel zu sehen. Zwei Tänzer:innen, eine Pianistin, ein Klarinettist, zwei Sängerinnen tragen das Werk vor. Die Musik ist leicht atonal, aber für heutige Verhältnisse harmonisch, mitunter melancholisch, die Stücke, acht Lieder, eine Ouvertüre und anderes, sind vergleichsweise kurz, das gesamte Werk hat aber doch eine Länge von rund 70 Minuten und zieht das Publikum durchaus in seinen Bann als Gesamtkunstwerk. Durch die intensive Darbietung der Tänzer:innen (noch nie haben wir Tanz aus einer derartigen körperlichen Nähe erlebt, nur Zentimeter entfernt, und zum ersten Mal die unglaubliche physische Anstrengung der Tänzer:innen realisiert); durch das Fesselnde der Musik; den Gesang; die Beleuchtung. (Weniger durch die szenischen Hilfsmittel wie Koffer und Erde.) Das Stück erschließt sich kaum aufgrund seiner Darbietung, das Motiv der Reise und der Zusammenhang mit der Vergänglichkeit bzw. dem Vergehen des Lebens wird deutlich, aber alles Weitere muss erlesen werden, was der Sogkraft der Aufführung aber keinen Abbruch tut.

    Cerha wird vom Publikum (vielleicht 80 Menschen) zu Recht beklatscht, ebenso wie alle Teilnehmenden. Zum Schluss, aufgefordert von den Akteur:innen, löst sich alles im Tanz mit dem Publikum auf, an dem, Gott bewahre, ich auch teilnehmen musste.

    Ruth Cerha.
    Klavierspielerin und Klarinettist.
  • Gesehen am 9. November 2025 im Cineplex Wien Mitte (Saal 8, 18:15 Uhr)

    Na gut, mal kein Theaterbesuch. Manuela und ich haben in den vergangenen Jahren aufgrund unsrer Theaterfreude das Kino vernachlässigt, wollen das aber ändern. Ohne Michaela und Mirko wären wir wahrscheinlich nicht ins Kino gegangen, sind wir aber, nach einer Runde am Christkindlmarkt am Stephansplatz (viel besserer Punsch als am Schönbrunner Christkindlmarkt, der dort wirklich eine Zumutung war), und zwar bei „Franz K.“ der Regisseurin Agnieszka Holland. Der Film hatte im September 2025 seine Premiere, ist also, naja, brandneu. Natürlich hat man als Kafka-Leser:in („Der Prozess“, „Amerika“, „Die Verwandlung“, diverse kürzere Texte; vergangenes Jahr an der Burg „Der Bau“ und „Die Verwandlung“ gesehen) gewisse Erwartungen. Werden die erfüllt? Schwer zu sagen.

    Holland hätte einen einfacheren Weg gehen können, Biopics sind gerade ziemlich in, zeitgleich mit „Franz K.“ läuft ja auch der Film über den amerikanischen Sänger Bruce S. (der wohl etwas mehr Zuseher:innen haben wird). Biopics sind ähnlich wie Superheldenfilme nach einer Formel gestrickt: Andeutungen von eventuellen Gründen für spätere Probleme in der Kindheit; frühe Talentproben, aber Schwierigkeiten, sich durchzusetzen; Liebesgeschichte; Erfolg und Absturz; Selbstzweifel und Regeneration; wieder Erfolg. Schluss. Das ist nicht, was Holland will und Kafkas Leben gibt so etwas wohl auch nicht her.

    Holland entschied sich dafür, den Film episodisch anzulegen: einzelne, kurze Szenen, die einen bestimmten Charakterzug Kafkas oder ein Ereignis seines Lebens oder seine Beziehung zu einer bestimmten Person beleuchten wie Schlaglichter. Deutlich wird das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, die gute Beziehung zu seiner neun Jahre jüngeren Schwester Ottla, die Freundschaft zu Max Bord, die holprige Beziehung zu seiner Verlobten Felice Bauer. Dazwischen kurze Szenen in der Jetzt-Zeit im Kafka-Museum, Auswüchse des Kafka-Tourismus wie der Kafka-Burger. Mitunter Visualisierungen von Kafkas Texten wie der grausamen Darstellung von „In der Strafkolonie“. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Länge und ermüdet etwas, wenn eine kurze Szene sich an die nächste reiht und der Film ist mit 2 Stunden 7 Minuten nicht gerade kurz. Auch wirkt der Film dadurch unstrukturiert: ob er jetzt 20 Minuten kürzer oder länger wäre, es würde keinen großen Unterschied machen. Eigenartig ist, dass Kafkas Ende in der Anstalt im niederösterreichischen Kierling so kurz gehalten wird, auch dass das Ende des Films die Flucht Max Brods aus dem Nazi-Reich zeigt und Brod sozusagen das Schlusswort hat (eigenartig, auch wenn es ohne Brod keinen berühmten Kafka gäbe).

    „Franz K.“ (Warum eigentlich die Abkürzung? Um auf Josef K. aus „Der Prozess“ zu verweisen?) ist ein sehenswerter Film, der übliche Seher:innen-Erwartungen unterläuft, ein wenig informiert, ein wenig fabuliert, auch unterhält und – wahrscheinlich am Wichtigsten – durchaus Lust darauf macht (wieder) Kafka zu lesen. Tun wir das.

    Ah ja: die Nachos waren gut, lagen dann aber doch etwas im Magen.

  • Burgtheater-Sonderführung Deckengemälde

    Am 8. November 2025, 12:00 Uhr

    Die Deckengemälde des 1888 neu eröffneten Burgtheaters an der Ringstraße waren das letzte Mal vor rund 50 Jahren ausführlich zu besichtigen und dass es jetzt wieder der Fall ist, liegt an einem Wasserschaden der Decke, der eine Renovierung notwendig machte, woraufhin beschlossen wurde, das Gerüst für die Renovierungsarbeiten auch für Führungen zu nutzen.

    Die Gemälde sind von kunsthistorischer Bedeutung, stellen sie doch frühe Werke von Gustav Klimt, dessen Bruder Ernst Klimt und Franz Matsch (bekannt durch die Anker-Uhr am Hohen Markt) dar. Und zeigen unter anderem das einzige Selbstporträt Gustav Klimts, der sich als Betrachter einer Shakespeareaufführung im Londoner Globe selbst verewigt hat (am Rande – und auch seinen Bruder Ernst und Matsch).

    Zehn der Deckengemälde, die allesamt innerhalb nur eines Jahres entstanden, wurden thematisch von der Direktion vorgegeben, zwei durften Matsch, Klimt und Klimt frei gestalten.

    Die Führung begann im Nebenraum des Pausenfoyers, führte zu den Deckengemälden der Kaiserstiege (wo Kaiser Franz Joseph I. die extra hinzugefügte Katharina Schratt an der Decke bewundern konnte), ging wieder in den Hauptteil des Gebäudes, wo die großartige Guide zur Geschichte des Burgtheaters (derzeit 250 Jahre Burg, eine Ausstellung des Theatermuseums) referierte, um dann zum Höhepunkt, der nahen Ansicht auf dem Gerüst direkt unter der Decke des Burgtheaters die Gemälde von Matsch, Klimt und Klimt betrachten zu können. Viele Details fallen einem erst jetzt auf: dass die vermeintlichen Mosaikteilchen auf den Nebengemälden in Wirklichkeit gemalt sind; dass die Figuren am Rand der Decke schwarzweiß gehalten sind, um den Eindruck von Plastiken zu erwecken und die Buntheit der Hauptgemälde zu betonen. Wie zahlreich die Gipsverzierungen der Decke sind. Wie eindrucksvoll und präzise die Figurengruppen der Giebelwände sind. Wie kurios die von kleinen Schauspielern erfüllten Schwäne und Eulen aussehen. Und wie hoch man über dem Erdboden herumgeht.

    Eineinhalb Stunden voll von gekonnter und gelehrter Erzählung und wunderbar Anzusehendem sind schnell vorbei. Bis Juni 2026 gibt es noch die Gelegenheit, das zu erleben. Dann ist wieder Schluss, vielleicht wieder für 50 Jahre. Weitere Infos

    Im Mittelpunkt die Aufführung eines Stücks von Sophokles, dessen Statue auch zu sehen ist. Die Dame in Weiß im Vordergrund, zu Füßen von Sophokles, zeigt Katharina Schratt.
    Bühnenbildmodell.
    Darstellung von Petra Morzé.
    Xenia Hausers Porträt von Direktor Claus Peymann. Erstaunlich starke Unterarme.
    Darstellung des Hanswurst.
    Mit Manuela im Theater.

  • „Phantom der Oper“, Raimundtheater

    Gesehen am 19. Oktober 2025

    Heute ist Kulturtag, Manuela wollte es so und dann machen wir es! 14:00 „Phantom der Oper“, dann was Essen gehen (wissen noch nicht wo), 19:00 Uhr „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Burgtheater. Wuuuuppi!

    Ich bin ja kein großer Musicalfan und praktisch alle Musicals, die ich gesehen habe, hab ich mit Manuela gesehen, häufig mit unseren Kindern, Musicals sind eine gute Zwischenstufe von Kindertheater zu Erwachsenentheater. Naja, dachten wir zumindest, richtig funktioniert hat das nicht. Mein erster Andrew Lloyd Webber war „Jesus Christ Superstar“, in der Aufführung durch das Ensemble 83 in Bruck/Leitha (ich glaube meine Kusine hatte eine kleine Rolle darin). Das Ensemble 83 gibt es längst nicht mehr, der Initiator und Regisseur der Truppe ist heute allerdings weithin bekannt und geschätzt: Josef E. Köpplinger. Kurze Zeit später hielt es meine Musiklehrerin für angebracht, dass wir uns mit dem Theater der Jugend alle „Cats“ ansehen, den großen Musicalhit der 1980er-Jahre. Das fand ich ebenso beeindruckend wie verwirrend, ich konnte diese ganzen Katzen nicht auseinanderhalten und worum ging es in dem Stück überhaupt und am Ende kommt eine alte Katze in den Katzenhimmel, was??? Die Platten dazu hab ich oft gehört, meine Eltern hatten nur etwa 10 LPs, aber „Cats“ war eine davon.

    Dann war lange nix mit Musical.

    Bis Manuela, die Kinder und ich in London waren und uns „Charlie and the Cocolate Factory“ ansahen. Und später, auch in London „Les Miserables“ und „Hamilton“. Und in Wien „Elisabeth“, „Ich war noch niemals in New York“, „Dirty Dancing“, „Sister Act“, „Mamma Mia“ und „Der Besuch der alten Dame“. Ach ja, in London dann auch noch „Phantom of the Opera“. Man holt auf mit der Zeit und das alles hätte ich ohne Manuela nie gesehen, was sehr schade gewesen wäre.

    Zugegebenermaßen weiß ich jetzt nicht mehr wahnsinnig viel von der Aufführung im Raimundtheater (vielen Dank an Gertraud und Gerhard für das Organisieren sehr guter günstiger Karten, Reihe 9, Parkett, wow), weil das jetzt auch schon drei Wochen her ist, aber es war schwungvoll, unterhaltsam, mitunter mitreißend, musikalisch gut gemacht mit ein paar wirklich schönen Melodien, dazu parodistisch (die Opernarien!), gut gespielt, getanzt, gesungen und es gab horrible, um nicht zu sagen erschreckende, Momente (die Morde! der Luster!) und ich weiß bis jetzt nicht, was ich von der Handlung halten soll. Irgendwo in einer Oper lebt eine Art verrückter Einsiedler, verunstaltet, genial und schafft es, das ganze Theater samt Direktion unter seine Kontrolle zu bringen? Und bringt die junge, talentierte Schöne dazu, sich in ihn wenigstes halbherzig zu verschauen? Und macht sie zum Star? Und wird erwischt, aber nicht gefasst? Weil er sich in Luft auflöst? Und zwischendurch fahren sie in einer Gondel durch unterirdische Kanäle als ob es Venedig wäre? Die Handlung scheint mir jetzt auch nicht viel durchsichtiger als die von „Cats“. Naja, wenigstens sehen die Figuren nicht alle gleich aus. Aber das tut der guten Unterhaltung keine Abbruch, die Zeit verfliegt im Flug, ein Effekt folgt auf den nächsten, immer ist etwas, das einen belustig, erstaunt, berührt, enttäuscht, erfreut, erwärmt … ein Bad der Gefühle! Und es fühlt sich gut an!

    Vor der Vorstellung.
    Der fatale Luster.
    Blick in den Orchestergraben.
  • „Hamlet“, Burgtheater

    Gesehen am 27. Oktober 2025.

    Loge erster Rang, gleich neben der Bühne, schön, schön, na gut, ich sitz rechts, Manuela links, die sieht die ganze Bühne, ich hoffe halt, dass ganz rechts nicht so viel passiert (tut es dann eh nicht).

    Schön, schön, man sieht gleich mal die Bühne, das Bühnenbild macht mich nicht glücklich. Alles schwarz und dunkelgrau und düster, aha, Einheitsbild fürs ganze Stück, naja. Drei große, kreisrunde, schief angelegte Podien unterschiedlicher Größe, warum, wozu, ich weiß es nicht und die Podien spielen auch keine große Rolle für die Inszenierung, nur die große links vorne wird ausgiebig genutzt. Die intensivste Szene spielt sich rechts vorne fast unscheinbar ab und beinhaltet als Requisiten nicht mehr als zwei Kübel, fast schon armes Theater, nicht unironisch für die teuerste Sprechtheaterbühne Österreichs mit den weitaus größten Möglichkeiten.

    Die Bühne vor Beginn des Stücks. Im Hintergrund ein Geist.

    Es ist immer noch enttäuschend das Haus zu betreten, reinzugehen, auf die Buchhandlung zuzusteuern und festzustellen, dass es die nicht mehr gibt und stattdessen noch so eine Bar eröffnet wurde, naja, hätt ich nicht gebraucht, aber bitte, wahrscheinlich gibt es mehr Durst nach Sekt als Durst nach Büchern auf der Welt.

    Aber wurscht, jetzt sitzen wir auf unseren Plätzen, die Sitze hinter uns haben wir gleich mitgekauft, wir sind unter uns.

    Der schon etwas abgeschlagene Stuck in unserer Loge.

    Ist es das fünfte Mal, dass ich „Hamlet“ seh? Erstes Mal vor rund 35 Jahren im Vienna International Theatre (gibts auch schon ewig nicht mehr) in einem im Keller gelegenen Theater, so arm, dass die Schauspieler nicht mal richtige Stiefel hatten, sondern die Unterschenkel mit Stoff umwickelt waren. Das zweite Mal Klaus Maria Brandauers Inszenierung am Burgtheater. Dann mit Manuela in Schloss Hof, eine Aufführung der Royal Shakespeare Company und wer sich aufregendes Theater erwartet hat, wurde enttäuscht: ein blutleerer Versuch, Shakespeare so aufzuführen, wie er „wirklich“ aufgeführt wurde, leeres Theater, das ebenso 1850 wie 1940 wie 1965 auf diese Weise stattfinden hätte können, so fad, dass ich die Hälfte des Stücks verschlafen habe. Heuer hat Stefano Bernardin seine „Hamlet One Man Show“ im Akzent dargeboten, fantastische Aufführung. Und nach vielen Versuchen habe ich es diesen Sommer geschafft, das Stück fertig zu lesen (in der Übersetzung von Erich Fried).

    Die Inszenierung von Karin Henkel fängt interessant an. Wer sich einen klassischen Beginn erwartet mit dem Vorspiel zum Auftauchen von Hamlets Vaters Geist wird enttäuscht und darf sich dafür am Erscheinen von mehr als einem Dutzend Geistern erfreuen. Diese sind ganz wunderbar vorbildhaft für Geister in weiße Leintücher mit ausgeschnittenen Augenlöchern gekleidet und schreiten zeremoniell und im Chor redend vor sich hin, bis sich rausstellt, dass es sich um eine zu probende Szene unter der Führung von Michael Maertens – Hamlets Stiefvater und Brudermörder von Hamlets Vater – handelt. Schön gemacht und natürlich witzig, aber warum wird hier geprobt? Hm. Und schwupps kommt Hamlet bzw. eine ganze Reihe von Hamlets, unterschiedlichen Alters, Geschlechts, unterschiedlicher Größe.

    Ok. Wir haben es hier mit einer Krise zu tun, es ist offiziell. Der Burgtheater-„Orlando“ ist aufgeteilt auf verschiedene Darsteller:innen, Hamlet genauso. Schön langsam schleicht sich der Verdacht ein, dass wir es mit eine gesellschaftlichen Thema der Spaltung zu tun haben, aber es ist keine Spaltung der Gesellschaft, wie sie öfter thematisiert wird, es ist eine Spaltung der Ichs, der Verlust der Einheit der Identität, wir sind nur noch die Summe unserer Charakteristika, nicht mehr ein Ganzes, ein Ich, wir sind viele kleine Ichs, die durchaus unterschiedlich reagieren. Das passt schön zu Hamlet, der sich selbst verdächtigt, nicht mehr er selbst zu sein, der seine Umgebung glauben macht, er wäre verrückt, bis die Umgebung tatsächlich glaubt, er wäre verrückt. Hamlet ist mehr als ein Ich, er muss mehr sein, weil in ihm die Widersprüche toben. Als Sohn der Mutter sollte er brav sein; als Sohn des ermordeten Vaters Rächer sein; als Königssohn sollte er der neue König sein; als Prinz sollte er eine zukünftige Prinzessin haben; als Freund sollte er ein gutes Verhältnis zu Rosenkranz und Güldensten haben, deren Mörder er aber wird (weil sie ihn morden sollen). Dieser Hamlet platzt vor lauter Ichs, dass er sich spaltet ist nur logisch und er präsentiert sich auf sehr unterschiedliche Weise: aggressiv-aufbrausend, zögerlich, weiblich … (hier die Besetzung). Zur Spaltung passt auch, dass Hamlets Mutter (Kate Strong) immer wieder Englisch redet und damit sozusagen aus der Rolle fällt. Und dazu immer wieder Michael Maertens, der als neuer König gern souverän wäre, aber immer am Rande der Katastrophe, am Rande der Überlastung tanzt und schlussendlich über die Grenzlinie kippt: Hamlet muss weg, er beschließt ihn ermorden zu lassen.

    Der Teich, in dem Ophelia sterben wird.

    Eigenartigerweise sind es Gertrud und Claudius, die Ophelia in den Tod treiben, eine freie Bearbeitung des Stücks, das generell eher eine Bearbeitung als eine Aufführung des eigentlichen Textes ist (so ist auch der ganze letzte Akt völlig umgearbeitet: kein Duell, kein Fortinbras, kein Laertes, kein allgemeines Sterben, bis praktisch alle tot sind …). Andererseits ist dadurch die eindrücklichste, intensivste, fast unerträgliche Szene des Abends gelungen: Claudius schüttet Wasser aus Plastikflaschen über Ophelias Kopf, drückt diesen immer wieder in einen Metallkübel, wirft die leeren Flaschen in einen zweiten Kübel, bis Ophelia tot ist. Langsam, grausam, ausweglos. Bei aller Brillanz, die Maertens an sich hat: er spielt immer alles gleich unterhaltsam. Er ist ein Schauspieler, der sich nie bemüht, tatsächlich einmal anders zu sein, eine Nuance zu zeigen, die man vorher nicht an ihm entdecken konnte. Das bedeutet nicht, dass er kein bedeutender Schauspieler wäre, aber er ist kein Schauspieler, der sich verwandelt, er hat sein verlässlichliches Repertoire an Mitteln, die er anwendet, fertig. In den vielen Inszenierungen, die wir mit Maertens gesehen haben, gab es nur zwei Momente, wo Maertens nicht der Maertens war, der er sonst ist. Der erste war in Tschechows „Die Möwe“, als er beiläufig erklärte, er habe die Möwe erschossen. Der zweite ist hier, als Claudius, der so aktiv den Selbstmord Ophelias betreibt, bis es eher wie Mord aussieht. Von erstaunlicher Intensität.

    Kate Strong als Hamlets Mutter bleibt distanziert nach allen Richtungen. Scheinbar ohne Gewissensbisse wegen des Mordes an Hamlets Vater, scheint sie auch nicht verliebt zu sein Claudius. Hamlet liegt ihr wohl am Herzen, aber auch nicht allzu sehr. Gertrud wirkt eher wie eine Gefangene ihrer eigenen Prinzipien, kaum berührt von den Ereignissen um sich.

    Henkels Inszenierung ist unterhaltsam, wie aus einem Guss, ob die weitgehende Um- oder Bearbeitung des Stücks nötig ist und wie weit Henkel dies zu verantworten hat, ist unklar. Dass es so viele Hamlets braucht, naja. Die Unmenge an Geistern könnte als Symbol gelesen werden, dass diese Gesellschaft, die hier gezeigt wird, nicht mehr fertig wird mit den Geistern und Gespenstern, wahrscheinlich hervorgerufen durch schreckliche reale Ereignisse, die nicht aufgearbeitet wurden. Sind wir das, die hier gezeigt werden? Eine Gesellschaft, die vor dem Horror der Vergangenheit wegläuft, die sich mit Geistern herumschlagen muss, die an Ich-Spaltung leidet?

    Pause und Umbau bzw. Reinigung der Bühne. Im Hintergrund die Wolken, die ihre Farbe ändern können.

    Das Bühnenbild von Katrin Brack, Nestroy-Preisträgerin 2017, passt zu dieser düsteren Analyse. Sind die scheibenförmige Podien die Räder, unter die wir gekommen sind oder gerade kommen? Henkel bezieht auch zweimal den Zuschauer:innenraum in ihre Inszenierung ein, um die Geister einziehen zu lassen. Das Stück endet blutig, ohne Duell, die Hamlets triefen teilweise vor Blut, am Ende ist Benny Claessens (hysterisch und fast außer sich als Hamlet) fast gänzlich mit Blut überzogen. Die letzten Worte werden einem Kind überlassen.

    Nach fast drei Stunden ist das Stück zu Ende. Und bleibt im Gedächtnis.

    Schlussapplaus: Benny Claessens, von oben bis unten voll von Blut. Im Hintergrund die unterschiedlichen Hamlets.