Im Allgemeinen geht es sich nicht aus, das Conclusius in Güssing zu besuchen, aber Anfang August 26 war ein günstiger Zeitpunkt und es war Freitag, da hat es bis 22 Uhr offen. Wir schauen uns die aktuellen Bilder an, die leider wenigen Bücher im Angebot, trinken was, ich esse eines der cremigen italienischen Röllchen mit Nougat, reden mit anderen Gästen, die immer gebildet, vergleichsweise wohlhabend, kulturell interessiert und etwas älter sind.

Da passen wir gut rein, letztlich sind wir alle das, was man früher als Bildungsbürgertum bezeichnet hat, dementsprechend ein großer Anteil an studierten und Lehrer:innen. Aber irgendwie ist dieser Schicht der Nachwuchs abhanden gekommen, mit Mitte 50 sind wir mit Abstand die Jüngsten.
Wenn man länger rumsitzt wird man vom Inhaber Gernot mit Informationen gefüttert, spärlich aber doch. Länger rum sitzen ist nötig, weil er einem sonst das Lokal unterm hintern zusperren tut, so gern macht er den Job jetzt auch wieder nicht und diesmal war es ihm eigentlich wichtiger den Kräutergarten seiner abgereisten Frau zu gießen, Gott sei Dank sind dann noch andere Gäste aufgetaucht, als er hörte dass Manuela einen Espresso will, hätte er fast in die Tischplatte gebissen vor „Oida, des gibt’s ja net!“-Gefühl. Hat er dann doch nicht. Ich hab sofort ein Cola bestellt um ihm das Leben nicht unnötig zu verkomplizieren, und mich auch nicht beschwert als ich ein Cola light kriegte.

Und irgendwann kam er auf Umwegen (Gruppenausstellung in Moschendorf) auf Franz Vana zu sprechen. Darauf hingewiesen, dass der bedeutendste Künstler im Burgenland Franz Vana ist, dessen Werk am Sonntag, 9. Augustus mmxxvi in dessen Atelier in Rauchwart zu besichtigen wäre. Gernot (es ist keine Respektlosigkeit, ich weiß nur den Nachnamen nicht) Sieber (jetzt weiß ich ihn, recherchiert) zeigte uns eine Ansichtskarte, schwarz, auf der in weißen Buchstaben „zu“ stand und wird auf die Bedeutung des schmalen weißen Randes Rechts hin. Eigenartig war, dass hinter ihm eine kleine Leinwand mit dem selben Motiv zu sehen war, aber ohne rechten weißen Rand. Ist das ein Widerspruch, doch offen? Eben doch nicht offen?

Sieber, der mit Vana auch schon eine Ausstellung gemacht hat, erzählte, dass Vana ein freundlicher, offener, zugänglicher Mensch wäre. In Bezug auf Präsentation seiner Arbeiten ist er penibel und beharrlich, drei Monate hat es gedauert, bis die Ausstellung im Conclusius geplant war, wobei man erwähnen muss, dass die Platzverhältnisse im Lokal das Hängen von mehr als rund einem Dutzend Bildern, wenn überhaupt, nicht erlauben.

Nach weiteren Konversationen, bei denen wir erfuhren, dass der Chef von Wolf Nudeln Wagnerianer und Kontrabassist ist, und zwar vom Chef von Wolf Nudeln persönlich (Leitwolf?), der Konsumation von weiteren Cola Lights, Mineral (ich, medikamentös verursacht), Weißwein, Prosecco, dem Geschmack von mineralischem Weißwein und Prosecco (alle anderen), erfuhren wie es zur Zusammenlegung der Volksschulen in Deutsch Tschantschendorf, Punitz und ich weiß nicht mehr wo gekommen ist, wer Reisen nach Medjugorje organisiert und Bibelkreise und bachbegrenzten Grundstücken in Sievering (ich hab den Satzverlauf vollständig aus den Augen verloren), verließen Manuela und ich gehen 22:40 Uhr, 40 min nach Sperrstunde das Lokal, der Kräutergarten zu diesem Zeitpunkt immer noch ungegossen, entschlossen in zwei Tagen nach Rauchwart, oh Rauchwart, zu fahren, wo wir nur einmal gewesen waren zuvor (bei Freunden, Pizza geteilt, eine Schüssel Chips gemeinsam angeschaut, keiner wollte sich die Blöße geben zuzugreifen, wollten ja alle schlank sein, irgendwie demoliert der Fitness-Gedanke doch schon ein wenig das Soziale, ist es doch etwas Verbindendes gemeinsam über die Stränge zu schlagen, manche Freundschaft existiert ausschließlich in Lokalen, aber es gibt keine Freundschaft, die nur im Fitnessstudio stattfindet oder an anderen Orten der Gesundheit). Rauchwart also, scheinbar ein Unort, wie so viele südburgenländische Dörfer, die nur hauptsächlich einer Straße bestehen aber keine Charakteristik besitzen oder jemals besessen haben. Rauchwart also, alte Spiritusfabrik, gegen eins wollten wir dort sein, dann erschien aber 10:30 Christian Uszak zum Haareschneiden seines fast pensionierten Kopfes, und nahezu anschließend Charly und Gerti um auf ihrer Motorradtour Hallo zu sagen, Zwetschgen und Birnen frisch vom Baum in ihrem Biketornister mitzunehmen und sich des Lebens zu freuen. Natürlich wurde nach der Verabschiedung der Gäste gegessen, was war es noch? Danach hätte ich gern ein Mittagsschläfchen gemacht, seit einiger Zeit befällt mich nachmittags eine unsagbare Müdigkeit, ausgelöst durch ich weiß nicht genereller Erholungsbedarf nach dem letzten Schuljahr, der Hitze, den Medikamenten, dem gestern zu Ende gegangenen Krankenhausaufenthalt, dem Stress, dem Sensenmann zwar nicht in die Augen gesehen, aber seine Visitenkarte im Briefkasten vorgefunden zu haben. Diese Müdigkeit löst sich aber nicht durch kurze Rast, denn rasten oder schlafen kann ich dann meist doch nicht, manchmal fast und bin plötzlich wach, wach, wach. Es war aber schon kurz nach zwei und der offene Tag bei Franz Vana dauert nur bis 5, also duschen, herrichten, losfahren, ich fahre, was nicht mehr immer der Fall ist.

Die alte Spiritusfabrik befindet sich gleich nach der Ortseinfahrt, von Stegersbach kommend. Das Gebäude ist nicht zu übersehen, eingerückt vom Rand der Hauptstraße.
Ein eher niedriges Gebäude mit ungarischer Aufschrift die vermutlich Spiritusfabrik bedeutet, nehm ich an. Wir stehen (wichtig an diesem Tropentag) im Schatten des Gebäudes. Der Garten schaut einigermaßen verwildert und verdorrt aus wie alle Gärten derzeit. Manuela schickt mich als erster durch die Tür, alte holztüren oder zumindest auf alt hergerichtet. Was wird dahinter liegen? Ein riesiger Raum, große Tische bedeckt mit Papier, Unmengen von Papier und bemalten Leinwänden. Auf drei Seiten geht es in andere, kleinere, schmälere Räume, die sich auch in weitere noch kleinere Räume verlieren. Alles hoch, authentisch renoviert, an vielen Stellen voll Spinnweben, überall Bilder an wände gelehnt, an Bilder gelehnt, in Vorrichtungen untergebracht, in allen Größen, oft abstrakt, oft mit wortelementen versetzt, mitunter besteht das Bild aus einem oder zwei Worten. Wir erkunden Raum für Raum, alles ist offen, auch die Küche, die man freundlich als Antik bezeichnen kann, das Bad mit seiner alten Badewanne und den brettern als Ablage darüber. Mitunter Kästen mit Materialien und Zeichnungen, sortiert nach Zyklus oder Jahren, Tausende, sagt Vana. Viele Bilder sind aus den Jahren seit 2020, das Gesamtwerk Vanas muss Tausende, wenn nicht eine fünfstellige Zahl von Bildern umfassen, Vana ist jetzt 75, ein Ende der Produktion ist nicht abzusehen. Einige Stunden braucht er pro Gemälde, an manchen Tagen entstehen mehrere. Die Bilder sind oft ähnlich, in gewisser Weise meisterhaft, rätselhaft, die Farben fügen sich ineinander, eine symbolische Harmonie entsteht. Auf einem Bild, das klischeehaft eine Berglandschaft mit Hütte zeigt, steht „ABSTRAKTE KUNST“. Das Bild, erklärt Vana, wurde für einen Film gemalt, aufgehängt in eben dieser Hütte, die Hütte für den Film abgebrannt. Zwei Jahre nach Fertigstellung, der Film hieß „Ikarus“, wurde Vana gefragt ob er das Gemälde wieder haben wolle. Vana wollte und malte die zwei Worte dazu. Vana führt herum, führt aus, ist für Fragen offen.

Interessant, dass man sein Bücherregal sehen kann, seine CD-Sammlung, offensichtlich ist Vana noch nicht im Spotifyzeitalter. Die CD-Sammlung umfasst zahlreiche Richtungen, Jazz (Coltrane, Davis), Klassik, Rock (Neil Young), im cdplayer liegt eine Frank Zappa/Captain Beefheart-Scheibe. Das Bücherregal fotografiere ich schuldbewusst, zahlreiche Autor:innen lassen sich vor Bücherregalen fotografieren, aber man sieht kaum jemals wirklich, was da drin steht. Keiner redet über die vielen Krimis, die auch von seriösen Schriftsteller:innen gelesen werden, öffentlich quatschen sie nur über alles, was sie in der Kritik gut aussehen lässt. Fast alle Bücher beschäftigen sich natürlich mit Kunst, einige Kataloge der Albertina, Kunsthaus Graz. Ruscha, Warhol, West, Duchamp, die 80er, Kowanz, Kubin, Dada, Franz Vana: Zeichen aus Tanzania, Weinberger. Auf einer Stiege liegt ein alt gewordener Band der Bibliothek Suhrkamp, Gertrude Stein: Erzählungen. Wie jedes vernünftige Bücherregal ist es international und epochenübergreifend und nicht regional gebunden. Rauchwart als Ort, nicht als Zustand. Vana deutet an, dass es seine Kunst derzeit nicht einfach hat, die momentane Strömung bevorzugt klare Botschaften hinsichtlich Rassismus, Feminismus, Diversität, eindeutige Stellungnahme.
Es werden Getränke und Knabbereien angeboten.

Manuela und ich gehen weiter, gehen über die Aluminium-Treppe in den ersten Stock, dort ist eine durchgangskammer, natürlich mehr Materialien, mehr Bilder, ein Steg in die Riesen Halle, eine stählerne Treppe, schmalsteil, auf den Dachboden, wo nicht viel rumliegt, darunter ein Globus. Vana sagt, ich soll da nicht raufgehen, die Treppe ist zu gefährlich, mach ich, sag ich, aber da war ich schon oben, ich seh mich als Erforscher mir unbekannter Gebiete, und wenn es nur ein unbekanntes Regal ist.
Wir steigen hinab, vorhin haben wir die Heissluftkanone Vanas gesehen, die in zehn Minuten die große Halle erwärmen kann, ohne Abgase oder Geruch, ein japanisches Gerät, das in Österreich nur über ein einziges Unternehmen bezogen werden kann. Allerdings hat er, sagt Vana, das Gerät schon seit Jahren nicht mehr eingesetzt, wer weiß ob es noch funktioniert.
Wir gehen weiter und schauen uns die kleineren Räume des Erdgeschosses an, mehr Bilder, ein paar Objekte, mehr Bilder.

Dann setzen Manuela und ich uns auf ein leicht staubiges Bankerl in der Halle, direkt neben dem Eingang und lassen wie Manuela sagt, alles auf uns wirken. Vana ist 75, ein schmaler Mann mit etwas Bauch, nach österreichischer Künstlertradition dunkel bis schwarz gekleidet, fernab jeglicher Eitelkeit, seine Haare sind grau und lang, nach hinten, ein schütterer grauer Bart. Sein rechter Fuß ist an eine Prothese geschnallt, er sagt, im Schuhgeschäft verlangt er den halben Preis, weil er nur den linken Schuh braucht. Funktioniert aber nicht, sagt er, auch wenn die Verkäufer:innen es amüsant finden.

Manuela und ich sitzen also noch rum, lassen alles auf uns wirken, ein anderer regelmäßiger Gast des Conclusius ist auch da, wir winken uns zu. Wir sind in einer totalen Kunstlebenwelt, etwas, das ich nur von Dokus über Jonathan Meese kenne. Bei der Verabschiedung sagt Vana, wir könnten auch sonst jederzeit vorbeikommen, die Tür vorne ist fast immer zu, aber hinten wäre offen, er wäre immer da.
Beim rausgehen, inzwischen sind etwa ein dutzend Menschen da, kriegt ein älterer Herr Panik, dass er uns zugeparkt hat, als wir wegfahren schnappt er sich unseren schattigen Parkplatz.
Zuhause schauen wir uns Vanabilder im Netz sn, Homepage Galerie Winter, leider keine Preise. Naja, mal sehen. Klar kommen wir wieder, wieviele Kunstwelten kann man sonst einfach so aufsuchen?




























































