Aufführung halb gesehen am 3. Oktober 2026, 1. Rang, rechts, Loge 5
Hurra, wieder in der Loge, aber diesmal nicht Loge 2, wo man nicht die ganze Bühne einsehen kann, sondern klüger gewählt Loge 5.
Erste Überraschung: Da sitzt ja jemand auf unseren Plätzen, aber Manuela checkt das gleich und die ältere, grauhaarige Dame erhebt sich und geht, um Sekunden später in der Nachbarloge aufzutauchen. Tja.
Zweite Überraschung: Das Theater ist bestenfalls zu einem Drittel gefüllt, das schaut ja aus, als ob heute Kosovo gegen Kirgistian in Tokio spielen würde. So leer hab ich das Burgtheater nicht mehr gesehen seit Achim Freyers Inszenierung von „Phaeton“.
Dritte Überraschung: Die Nicht-Anwesenden haben leider klug gehandelt.
Vorbemerkung: Wir sind zur Pause gegangen, deshalb können wir nur über die erste Hälfte der Inszenierung von „Sankt Falstaff“ von Ewald Palmetshofer durch Karin Henkel reden (wir haben das Stück nicht gelesen). Es hat uns schon etwas stutzig gemacht, dass wir ein Stück sehen, das die Bearbeitung eines Shakespearestücks („Heinrich IV.“) ist, und das in einer eigenen Fassung von Karin Henkel, Rita Thiele und Jeroen Versteele dargeboten wird, das ist erstaunlich viel bearbeitete Bearbeitung, aber gut.
Überraschend das Bühnenbild: Das Innere eines Brustkorbs, der zu Beginn auch zu atmen scheint, wobei ein vornübergebeugter Schädelknochen ins Publikum bleckt. Eigenartigerweise in der Mitte, an der Decke, der Wirbelsäule ein großes Auge. Schaut meines Erachtens nach Geisterbahn aus und lässt mich etwas mulmig werden, aber Manuela fand es cool und interessant.
Und dann geht es auch schon los: „Heinrich IV.“ scheinbar in einen totalitären Staat verlagert, es gibt ein Sprachorgan, es gibt ein Hirn, es gibt einen König, mehr tot als lebend, Intriganten und einen ziellosen Prinzen, der sich lieber in Spelunken und mit Gesindel rumtreibt als den Staat voranzubringen. Das alles bedauerlicherweise auf eine Art inszeniert, wie wir uns vorstellen, dass Bertolt Brecht in den 1920er- und 30er-Jahren sein Episches Theater betrieben hat: ein Verfremdungseffekt jagt den nächsten, es wird auf der Stelle gerannt, direkt ins Publikum gesprochen, es gibt Doppelbesetzungen (warum?), eigenartig-bizarre Kostüme, das groteske Geisterbahnbühnenbild, Masken, Übertreibungen, natürlich einen Monitor, mitunter Saallicht, dumpfe, irritierende Geräuschkulisse.
Die Schauspieler sind großartig, was für eine Besetzung! Minichmayr, Happel, Beglau, Witzel, Nägele, Werths, alle toll. Was sie reden, ist teilweise so wirr, dass ich mich mitunter fragte, worum es überhaupt geht. (Wie gesagt, wir haben das Stück nicht gelesen … wäre wohl besser gewesen.) Die Inszenierung ist zwiespältig, einerseits hat sie sicherlich zu den Schauspieler:innenleistungen beigetragen, andererseits tut sie alles, um das Publikum sich möglichst unwohl fühlen zu lassen. Wenn dies das Ziel war, ok, geschafft. Warum dies das Ziel sein sollte, wissen wir nicht. Um das Publikum zum Nachdenken zu bringen? Dafür gibt der dargebotene Text nicht genug her. Und wenn das Publikum nicht zum Reflektieren angeregt wird, auch nicht zur Erregung, oder dazu sich an der Darbietung zu erfreuen, was bleibt dann noch? Wenig bis nichts und das drückte sich nach Fall des Vorhangs zur Pause im Applaus aus, der den Namen kaum verdient hat. Schade, aber he, alle 20 oder 30 Mal darf es auch im Burgtheater mal einen Durchhänger geben.
Jetzt gehen wir mal in die Josefstadt, mal sehen, was die aus „Hamlet“ machen.
Natürlich sind wir Picasso- und Bacon-Fans, klar. Die Hand, die dies schreibt, hat illegalerweise auch einmal einen Bacon berührt, dank eines unaufmerksamen studentischen Aufsehers in der „Surrealismus in Spanien“-Ausstellung in der Kunsthalle, das muss wohl 1992 gewesen sein. Viel später habe ich eine Bacon-Ausstellung gesehen, lustigerweise im Musée Picasso in Paris an einem schrecklichen Herbsttag.
Natürlich sind wir dabei bei der Eröffnung, Donnerstag Abend, angekommen um 17:45 Uhr, Schlange stehen, Einlass 18:00 Uhr. Früh genug um einen Sitzplatz im Festsaal zu kriegen, der sich relativ schnell füllt mit rund 250 Menschen. Kleine Diskussionen, weil die Späterkommenden keinen Sitzplatz mehr kriegen, sich an den Rand des Saals stellen und damit denen die Sicht nehmen, die früh genug gekommen sind, aber sich für einen Platz an der Seite entschieden haben. Doch diese Kämpfe werden von anderen geführt und die meisten Stehenden werden durch die Stehzeit eh mürbe und geben auf.
Erfreuliche Musikbegleitung durch das Streichquartett des Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, auch wenn wir uns nicht sicher sind, ob Piaf- und Cole Porter-Songs wirklich entsprechen, aber bitte. Direktor Ralph Gleis weist auf die komplexe Beziehung zwischen Picasso und Bacon hin, der Ältere ein inspirierender Reibepunkt für den Jüngeren, der Jüngere lässt dem Älteren keine Wahl als ihn mehr oder weniger wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen. Die künstlerischen Parallelen sind überschaubar, zwar waren beide durchaus lebensbejahende Menschen, aber es gibt wohl kaum ein Werk Bacons, aus dem im Gegensatz zu vielen Bildern Picassos auch Lebensfreude zu Tage tritt, schon der Unterschied im Farbspektrum ist offensichtlich. Picasso erweist sich als Wegweiser, Bacon geht von diesem Weg aber in seine eigene, unbeirrbare Richtung, auch wenn er immer wieder zu Picasso rüberschaut, mal sehen, wo sich der so rumtreibt.
Höhepunkt der Einführung des Abends (seit wann gibt es eigentlich keinen gratis Sekt und Soletti mehr?) ist das Gespräch zwischen Gleis und dem inzwischen fast 85-jährigem Michael Peppiatt, Freund Bacons, Biograph und Verfasser anderer auf Bacon bezogener Bücher, Gastkurator von „Picasso-Bacon. What it feels like to be human“ und mit Gleis Co-Autor des Ausstellungskatalogs. Peppiatt, junger Student, lernte Bacon kennen, ohne dessen Bilder je gesehen zu haben, sein Ziel war es ein Interview für die Studentenzeitung seiner Uni zu bekommen und er begleitete Bacon noch am Abend des Kennenlernens samt seinen Freunden durch die ganze Nacht, was zu einer Freundschaft und jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Bacon und dessen Werk führte. In seinen Worten war Bacon ein Mensch, der sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog, wenn er einen Raum betrat, der eine eigentümliche Energie ausstrahlte, unterhaltsam und witzig sein konnte, ein scheinbar ganz anderer Mensch, als den man sich den Schöpfer der von ihm stammenden Werke mit zersetzten, verfremdeten, drangsalierten Körpern in unwirklichen, abstrakten, teils unwirtlichen Räumen oder Landschaften vorstellen könnte. Bacon hatte trotz der Düsterheit seines Werkes große internationale Erfolge, war nach Picasso der zweite lebende Künstler, der eine Ausstellung im Grand Palais in Paris erhielt. Sein Privatleben – Bacon war homosexuell – war schwierig, sein Partner, der 25 Jahre jüngere George Dyer, starb zwei Tage vor Eröffnung besagter Ausstellung im Grand Palais in Paris an einer Überdosis Alkohol und Tabletten.
Die Ausstellung selbst zeigt rund 70 Werke der beiden vielleicht bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, eine derartige Menge an Werken von Bacon ist selten und war in Wien überhaupt noch nie zu sehen – während es alle paar Jahre eine Picasso-Ausstellung gab in Wien. Die Unterschiede zwischen Beiden sind offensichtlich: Picassos Farbpalette ist eine wesentlich breitere und räumt auch hellen Tönen Platz ein, die Interaktion zwischen den Figuren ist vielfältiger, während Bacon oft vereinzelte, isolierte Figuren zeigt. Picassos Verfremdung von Körpern und Gesichtern hat trotz allem etwas Lebendiges, die Verfremdung und teilweise Auslöschung von Körperteilen oder Gesichtern ist bei Bacon eine Auflösung, ein Nachgeben in dunkle Gebiete. Gewalt, Tod, Brutalität treten bei Bacon offen zu Tage, während selbst der vor Schmerz brüllende Stier bei Picasso immer noch etwas Lebensbejahendes hat. Picassos Farbauftrag ist ganz anders als der von Bacon, der mitunter dick bröckelige Farbpigmente aufträgt, manchmal seine Bilder mit Klecksen bewirft, Bilder häufig monochrom gestaltet.
Jedes Bild in der Ausstellung ist es wert, genauer betrachtet zu werden und auch wenn dies bei 70 oder mehr Bildern lange dauern könnte, es bleibt ja immer noch die Möglichkeit, die Ausstellung ein zweites oder drittes Mal zu sehen oder sich gleich eine Jahres- oder Bundesmuseencard zu kaufen, was Manuela und ich auch getan haben und daher baldigst wiederkommen werden.
Um danach wie an diesem Abend kurz nach 21:00 zuGerstnerauf ein Glas Champagner zu gehen.
Burgtheater, 19. September 2026, Loge 2, 1. Rang, rechts
Simon Stone hat ein Stück „nach Henrik Ibsen“ geschrieben und jede/r ist aufgerufen, die Bezüge zu den diversen Ibsens rauszufinden. Eine mühsame Arbeit, die auch nicht viel Ertrag bringen wird, fürchten wir, aber bitte, isses halt „nach Ibsen“.
Wenig überraschend geht es im Stück um das im Titel genannte architektonische Objekt, das eine Großfamilie zusammenführen, zusammenbringen soll, aber im Laufe von Jahrzehnten ein Ort von Gewalt, Angst, Verdrängung, Unterdrückung, gescheiterter Liebe, Hass und Tod wird, bis es niederbrennt – Akt der Befreiung, der letztlich ins Leere führt.
Stone präsentiert als Bewohner:innen des Hauses eine Familie, die sich aus den Fängen von Betrug und Gewalt über Generationen hinweg nicht befreien kann und das in einem Ausmaß, das einem „Ödipus“ von Sophokles als leichte Komödie erscheinen lässt. Das ist auch der einzige Haken an diesem großartigen Theaterabend, der trotz seiner Länge aufgrund der exzellenten darstellerischen Leistungen des Ensembles, der klugen Regie, des Bühnenbilds und der oft beklemmenden Musik rasch, mitunter sogar unterhaltsam, im ersten Teil mit einer Neigung zum Hysterischen, im zweiten Teil mit ruhigen Strecken und einem unausweichlichen brutalen Finale das Publikum für sich einzunehmen weiß.
Der Haken: trotz aller Großartigkeit ist besonders der Teil vor der Pause das wohl Deprimierendste, was ich seit Langem gesehen habe (Manuela ist da anderer Meinung), mindestens seit den Stücken von Sarah Kane („Phaidras Liebe“). Aber es macht alles in allem sehr gutes Theater.
Zum Inhalt nur so viel: Der Architekt Carl Albrich ist berühmt geworden mit dem Entwurf des für die eigene Familie gedachten Ferienhauses. Allerdings birgt er zwei dunkle Geheimnisse: das Ferienhaus ist nicht sein Entwurf, sondern der seines Neffen – doch Carl schafft es durch Manipulation diesen um die Anerkennung, Erfolg, Geld und kreative Freiheit zu bringen. Und, schwerwiegender: Carl missbraucht Mädchen. Zu seinen Opfern gehört die gerade erst zehnjährige Karoline, später seine Enkelin Flora. All dies geht über Jahrzehnte in Schweigen, Nicht-sehen-Wollen, Nichtwissen vor sich, Lena liefert Carl sogar ihre Tochter Flora förmlich aus, indem sie das Kind regelmäßig zu Besuch bei ihm lässt, obwohl sie um dessen Verbrechen an Karoline weiß. Karoline wiederum flieht ihre Familie, führt eine unstete Existenz als Alkohol- und Drogensüchtige, schafft es, sich eine neue Existenz aufzubauen und tut alles Menschenmögliche, um nach dem Brand das Haus wieder aufzubauen, den Wiederaufbau mit sozialen Zwecken zu verbinden und den wahren Architekten, der von alldem nichts mehr wissen will, in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Versuch, der letztlich an der Finanzkrise und am Gemeinderat scheitert. Carl, der sich sein ganzes Leben ausgelebt und ausgetobt und tyrannisiert hat, wird nie für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen und endet dement. Flora tötet sich.
Das Stück ist achronologisch aufgebaut, Stone springt zwischen Jahren und Jahrzehnten hin und her, 1974, 1970 2004 usw. Auf diese Weise setzt sich der Ablauf erst langsam zusammen, werden Zusammenhänge erst später klar und deutlich, auch, was passiert ist und welche Folgen das jeweilige Geschehen nach sich gezogen hat.
„Das Ferienhaus“ kennt nur Gescheiterte, Opfer, Verlorene, es gibt nur Tragik, Gewalt, nur das Schlechte im Menschen, es gibt keine Gerechtigkeit, keine menschliche Wärme, mitunter Witz. Und es lässt nichts aus an Tragik: sogar Sebastian, Carls Sohn, der homosexuell ist, muss an HIV erkranken und wird schließlich von seiner Mutter erstickt. Stone, der sein Amsterdamer Stück „Ibsen Huis“ von 2017 für das Burgtheater adaptiert hat (und mit Landesbezügen versehen hat), ist ein Werk gelungen, das trotz der Düsternis der Handlung und der Dunkelheit der Charaktere einen packenden, interessanten, ausweglosen Theaterabend ermöglicht, dessen Aktualität bedauerlicherweise wohl noch länger anhalten wird.
Im Allgemeinen geht es sich nicht aus, das Conclusius in Güssing zu besuchen, aber Anfang August 26 war ein günstiger Zeitpunkt und es war Freitag, da hat es bis 22 Uhr offen. Wir schauen uns die aktuellen Bilder an, die leider wenigen Bücher im Angebot, trinken was, ich esse eines der cremigen italienischen Röllchen mit Nougat, reden mit anderen Gästen, die immer gebildet, vergleichsweise wohlhabend, kulturell interessiert und etwas älter sind.
Da passen wir gut rein, letztlich sind wir alle das, was man früher als Bildungsbürgertum bezeichnet hat, dementsprechend ein großer Anteil an studierten und Lehrer:innen. Aber irgendwie ist dieser Schicht der Nachwuchs abhanden gekommen, mit Mitte 50 sind wir mit Abstand die Jüngsten. Wenn man länger rumsitzt wird man vom Inhaber Gernot mit Informationen gefüttert, spärlich aber doch. Länger rum sitzen ist nötig, weil er einem sonst das Lokal unterm hintern zusperren tut, so gern macht er den Job jetzt auch wieder nicht und diesmal war es ihm eigentlich wichtiger den Kräutergarten seiner abgereisten Frau zu gießen, Gott sei Dank sind dann noch andere Gäste aufgetaucht, als er hörte dass Manuela einen Espresso will, hätte er fast in die Tischplatte gebissen vor „Oida, des gibt’s ja net!“-Gefühl. Hat er dann doch nicht. Ich hab sofort ein Cola bestellt um ihm das Leben nicht unnötig zu verkomplizieren, und mich auch nicht beschwert als ich ein Cola light kriegte.
Und irgendwann kam er auf Umwegen (Gruppenausstellung in Moschendorf) auf Franz Vana zu sprechen. Darauf hingewiesen, dass der bedeutendste Künstler im Burgenland Franz Vana ist, dessen Werk am Sonntag, 9. Augustus mmxxvi in dessen Atelier in Rauchwart zu besichtigen wäre. Gernot (es ist keine Respektlosigkeit, ich weiß nur den Nachnamen nicht) Sieber (jetzt weiß ich ihn, recherchiert) zeigte uns eine Ansichtskarte, schwarz, auf der in weißen Buchstaben „zu“ stand und wird auf die Bedeutung des schmalen weißen Randes Rechts hin. Eigenartig war, dass hinter ihm eine kleine Leinwand mit dem selben Motiv zu sehen war, aber ohne rechten weißen Rand. Ist das ein Widerspruch, doch offen? Eben doch nicht offen?
Sieber, der mit Vana auch schon eine Ausstellung gemacht hat, erzählte, dass Vana ein freundlicher, offener, zugänglicher Mensch wäre. In Bezug auf Präsentation seiner Arbeiten ist er penibel und beharrlich, drei Monate hat es gedauert, bis die Ausstellung im Conclusius geplant war, wobei man erwähnen muss, dass die Platzverhältnisse im Lokal das Hängen von mehr als rund einem Dutzend Bildern, wenn überhaupt, nicht erlauben.
Nach weiteren Konversationen, bei denen wir erfuhren, dass der Chef von Wolf Nudeln Wagnerianer und Kontrabassist ist, und zwar vom Chef von Wolf Nudeln persönlich (Leitwolf?), der Konsumation von weiteren Cola Lights, Mineral (ich, medikamentös verursacht), Weißwein, Prosecco, dem Geschmack von mineralischem Weißwein und Prosecco (alle anderen), erfuhren wie es zur Zusammenlegung der Volksschulen in Deutsch Tschantschendorf, Punitz und ich weiß nicht mehr wo gekommen ist, wer Reisen nach Medjugorje organisiert und Bibelkreise und bachbegrenzten Grundstücken in Sievering (ich hab den Satzverlauf vollständig aus den Augen verloren), verließen Manuela und ich gehen 22:40 Uhr, 40 min nach Sperrstunde das Lokal, der Kräutergarten zu diesem Zeitpunkt immer noch ungegossen, entschlossen in zwei Tagen nach Rauchwart, oh Rauchwart, zu fahren, wo wir nur einmal gewesen waren zuvor (bei Freunden, Pizza geteilt, eine Schüssel Chips gemeinsam angeschaut, keiner wollte sich die Blöße geben zuzugreifen, wollten ja alle schlank sein, irgendwie demoliert der Fitness-Gedanke doch schon ein wenig das Soziale, ist es doch etwas Verbindendes gemeinsam über die Stränge zu schlagen, manche Freundschaft existiert ausschließlich in Lokalen, aber es gibt keine Freundschaft, die nur im Fitnessstudio stattfindet oder an anderen Orten der Gesundheit). Rauchwart also, scheinbar ein Unort, wie so viele südburgenländische Dörfer, die nur hauptsächlich einer Straße bestehen aber keine Charakteristik besitzen oder jemals besessen haben. Rauchwart also, alte Spiritusfabrik, gegen eins wollten wir dort sein, dann erschien aber 10:30 Christian Uszak zum Haareschneiden seines fast pensionierten Kopfes, und nahezu anschließend Charly und Gerti um auf ihrer Motorradtour Hallo zu sagen, Zwetschgen und Birnen frisch vom Baum in ihrem Biketornister mitzunehmen und sich des Lebens zu freuen. Natürlich wurde nach der Verabschiedung der Gäste gegessen, was war es noch? Danach hätte ich gern ein Mittagsschläfchen gemacht, seit einiger Zeit befällt mich nachmittags eine unsagbare Müdigkeit, ausgelöst durch ich weiß nicht genereller Erholungsbedarf nach dem letzten Schuljahr, der Hitze, den Medikamenten, dem gestern zu Ende gegangenen Krankenhausaufenthalt, dem Stress, dem Sensenmann zwar nicht in die Augen gesehen, aber seine Visitenkarte im Briefkasten vorgefunden zu haben. Diese Müdigkeit löst sich aber nicht durch kurze Rast, denn rasten oder schlafen kann ich dann meist doch nicht, manchmal fast und bin plötzlich wach, wach, wach. Es war aber schon kurz nach zwei und der offene Tag bei Franz Vana dauert nur bis 5, also duschen, herrichten, losfahren, ich fahre, was nicht mehr immer der Fall ist.
Die alte Spiritusfabrik befindet sich gleich nach der Ortseinfahrt, von Stegersbach kommend. Das Gebäude ist nicht zu übersehen, eingerückt vom Rand der Hauptstraße. Ein eher niedriges Gebäude mit ungarischer Aufschrift die vermutlich Spiritusfabrik bedeutet, nehm ich an. Wir stehen (wichtig an diesem Tropentag) im Schatten des Gebäudes. Der Garten schaut einigermaßen verwildert und verdorrt aus wie alle Gärten derzeit. Manuela schickt mich als erster durch die Tür, alte holztüren oder zumindest auf alt hergerichtet. Was wird dahinter liegen? Ein riesiger Raum, große Tische bedeckt mit Papier, Unmengen von Papier und bemalten Leinwänden. Auf drei Seiten geht es in andere, kleinere, schmälere Räume, die sich auch in weitere noch kleinere Räume verlieren. Alles hoch, authentisch renoviert, an vielen Stellen voll Spinnweben, überall Bilder an wände gelehnt, an Bilder gelehnt, in Vorrichtungen untergebracht, in allen Größen, oft abstrakt, oft mit wortelementen versetzt, mitunter besteht das Bild aus einem oder zwei Worten. Wir erkunden Raum für Raum, alles ist offen, auch die Küche, die man freundlich als Antik bezeichnen kann, das Bad mit seiner alten Badewanne und den brettern als Ablage darüber. Mitunter Kästen mit Materialien und Zeichnungen, sortiert nach Zyklus oder Jahren, Tausende, sagt Vana. Viele Bilder sind aus den Jahren seit 2020, das Gesamtwerk Vanas muss Tausende, wenn nicht eine fünfstellige Zahl von Bildern umfassen, Vana ist jetzt 75, ein Ende der Produktion ist nicht abzusehen. Einige Stunden braucht er pro Gemälde, an manchen Tagen entstehen mehrere. Die Bilder sind oft ähnlich, in gewisser Weise meisterhaft, rätselhaft, die Farben fügen sich ineinander, eine symbolische Harmonie entsteht. Auf einem Bild, das klischeehaft eine Berglandschaft mit Hütte zeigt, steht „ABSTRAKTE KUNST“. Das Bild, erklärt Vana, wurde für einen Film gemalt, aufgehängt in eben dieser Hütte, die Hütte für den Film abgebrannt. Zwei Jahre nach Fertigstellung, der Film hieß „Ikarus“, wurde Vana gefragt ob er das Gemälde wieder haben wolle. Vana wollte und malte die zwei Worte dazu. Vana führt herum, führt aus, ist für Fragen offen.
Interessant, dass man sein Bücherregal sehen kann, seine CD-Sammlung, offensichtlich ist Vana noch nicht im Spotifyzeitalter. Die CD-Sammlung umfasst zahlreiche Richtungen, Jazz (Coltrane, Davis), Klassik, Rock (Neil Young), im cdplayer liegt eine Frank Zappa/Captain Beefheart-Scheibe. Das Bücherregal fotografiere ich schuldbewusst, zahlreiche Autor:innen lassen sich vor Bücherregalen fotografieren, aber man sieht kaum jemals wirklich, was da drin steht. Keiner redet über die vielen Krimis, die auch von seriösen Schriftsteller:innen gelesen werden, öffentlich quatschen sie nur über alles, was sie in der Kritik gut aussehen lässt. Fast alle Bücher beschäftigen sich natürlich mit Kunst, einige Kataloge der Albertina, Kunsthaus Graz. Ruscha, Warhol, West, Duchamp, die 80er, Kowanz, Kubin, Dada, Franz Vana: Zeichen aus Tanzania, Weinberger. Auf einer Stiege liegt ein alt gewordener Band der Bibliothek Suhrkamp, Gertrude Stein: Erzählungen. Wie jedes vernünftige Bücherregal ist es international und epochenübergreifend und nicht regional gebunden. Rauchwart als Ort, nicht als Zustand. Vana deutet an, dass es seine Kunst derzeit nicht einfach hat, die momentane Strömung bevorzugt klare Botschaften hinsichtlich Rassismus, Feminismus, Diversität, eindeutige Stellungnahme. Es werden Getränke und Knabbereien angeboten.
Manuela und ich gehen weiter, gehen über die Aluminium-Treppe in den ersten Stock, dort ist eine durchgangskammer, natürlich mehr Materialien, mehr Bilder, ein Steg in die Riesen Halle, eine stählerne Treppe, schmalsteil, auf den Dachboden, wo nicht viel rumliegt, darunter ein Globus. Vana sagt, ich soll da nicht raufgehen, die Treppe ist zu gefährlich, mach ich, sag ich, aber da war ich schon oben, ich seh mich als Erforscher mir unbekannter Gebiete, und wenn es nur ein unbekanntes Regal ist. Wir steigen hinab, vorhin haben wir die Heissluftkanone Vanas gesehen, die in zehn Minuten die große Halle erwärmen kann, ohne Abgase oder Geruch, ein japanisches Gerät, das in Österreich nur über ein einziges Unternehmen bezogen werden kann. Allerdings hat er, sagt Vana, das Gerät schon seit Jahren nicht mehr eingesetzt, wer weiß ob es noch funktioniert. Wir gehen weiter und schauen uns die kleineren Räume des Erdgeschosses an, mehr Bilder, ein paar Objekte, mehr Bilder.
Dann setzen Manuela und ich uns auf ein leicht staubiges Bankerl in der Halle, direkt neben dem Eingang und lassen wie Manuela sagt, alles auf uns wirken. Vana ist 75, ein schmaler Mann mit etwas Bauch, nach österreichischer Künstlertradition dunkel bis schwarz gekleidet, fernab jeglicher Eitelkeit, seine Haare sind grau und lang, nach hinten, ein schütterer grauer Bart. Sein rechter Fuß ist an eine Prothese geschnallt, er sagt, im Schuhgeschäft verlangt er den halben Preis, weil er nur den linken Schuh braucht. Funktioniert aber nicht, sagt er, auch wenn die Verkäufer:innen es amüsant finden.
Manuela und ich sitzen also noch rum, lassen alles auf uns wirken, ein anderer regelmäßiger Gast des Conclusius ist auch da, wir winken uns zu. Wir sind in einer totalen Kunstlebenwelt, etwas, das ich nur von Dokus über Jonathan Meese kenne. Bei der Verabschiedung sagt Vana, wir könnten auch sonst jederzeit vorbeikommen, die Tür vorne ist fast immer zu, aber hinten wäre offen, er wäre immer da. Beim rausgehen, inzwischen sind etwa ein dutzend Menschen da, kriegt ein älterer Herr Panik, dass er uns zugeparkt hat, als wir wegfahren schnappt er sich unseren schattigen Parkplatz. Zuhause schauen wir uns Vanabilder im Netz sn, Homepage Galerie Winter, leider keine Preise. Naja, mal sehen. Klar kommen wir wieder, wieviele Kunstwelten kann man sonst einfach so aufsuchen?
Die Theatergruppe Nesterval strebt ein sogenanntes immersives Theatererlebnis an, Zuschauer:innen sollen hineingesogen werden in das Erlebnis, direkt dabei sein, Teil der Aufführung sein und nicht nur passiv dasitzen vor einer imaginären 4. Wand.
Dies wird dadurch erreicht, dass die Darsteller:innen mitunter direkt, auch körperlich Kontakt mit den Zuschauer:innen suchen, sie ansprechen, ein wenig einbeziehen. Bühne gibt es nicht mehr, unterschiedliche kleinere Spielorte (hier in erster Linie Zelte) bilden einen vergleichsweise intimen Rahmen, das Publikum wird in kleine Gruppen aufgesplittet, das fast unmittelbar vor den Akteur:innen steht oder sitzt oder bastelt. Bastelt? Ja, immerhin durfte man bei „Wallden“ auch seinen eigenen Kopfschmuck gestalten – wenn man wollte.
Nesterval bietet insofern ein einmaliges Erlebnis, als es überreich an szenischem Material ist, unterschiedliche, parallel verlaufende Szenen spielen sich ab, zu viele als dass das Publikum alle an einem Abend sehen könnte. Die Publikumsgruppen werden geleitet, jede Gruppe bekommt andere Szenen in einer anderen Folge zu sehen, man sieht also jeden Abend ein anderes Stück.
Bei „Wallden“ war es so, dass es zu Beginn eine Szene für das ganze Publikum gab und der Abschluss ebenfalls ein Gemeinschaftserlebnis war, der Ablauf dazwischen war individuell. Die Aufsplittung hat zur Folge, dass in jeder Szene nur wenige Schauspieler:innen agieren, häufig sogar nur einer oder eine, die direkt mit dem Publikum arbeitet (ja, arbeitet: Atemübungen, Achtsamkeit, Erzähl-doch-mal-was-dich-beschäftigt …), das ist interessant, aber, naja, nicht immer und auch nicht immer spannend im Sinne von aha, wie geht es weiter???, sondern mitunter auch etwas bemüht. Ist das dann noch Theater? Ist das noch Schauspielen? Ich glaube nicht.
Handlung? Nun, „Wallden“ orientiert sich mit dem korrespondierenden Stück „Donaugold“ am Nibelungenlied oder behauptet zumindest, das zu tun. Die Bezüge sind sehr lose und würde es nicht betont, man merkte es nicht. Von der klassischen Nibelungenliedgeschichte bleibt praktisch nichts übrig, stattdessen werden germanische Namen geliefert, die Göttin Erda versucht zu steuern, es gelingt nicht, am Ende will sie verschwinden, was Chaos auslöst.
Rundherum versuchen die anderen Figuren das Ruder in die Hand zu nehmen, die vermeintlich utopische Gesellschaft, die sich nach Wasserkriegen und grauenvollen Zuständen auf der Erde in ihr kleines Paradies zurückgezogen hat, steht kurz davor sich umstrukturieren zu müssen, die Nornen wollen wieder ihre Macht, wofür sie Hagens Zunge benötigen …
Nesterval zeigt in „Wallden“ eine Gesellschaftsutopie, worin diese aber bestehen soll, bleibt unklar. Basisdemokratisch, ja, aber letztlich entscheidet Erda. Alle zusammen, ja, aber letztlich kocht jeder sein eigenes Süppchen. Wallden ist wohl das Gegenstück zu „Donaugold“, das eine dystopische Gesellschaft zeigt, einer der Söhne Erdas, der ausgeschickt wird in diese dystopische Gesellschaft, kehrt völlig verstört zurück und berichtet von Menschenopfern. Eine dramatische Handlung im klassischen Sinn darf man sich nicht erwarten, allerdings auch nicht, dass die einzelnen Szenen eine Dringlichkeit hätten, wie es bei „Der rosa Winkel“ der Fall war. Alles bleibt vage und oberflächlich, wenig durchdacht, nicht zwingend, ein Potpourri an Möglichkeiten, die wenig genutzt werden.
Was nicht heißt, dass es kein interessanter, unterhaltsamer Abend wäre, nein, aber wenn wir davon ausgehen, dass Theater in den Zuschauer:innen etwas auslösen soll – und das ist wohl das Ziel immersiven Theaters und war es auch in der Antike – dann ist der Abend nicht besonders gelungen, auch wenn er flott vorbeigeht.
„Wallden“ – der Name ist wohl eine Mischung aus „Walden“ und „Wallhalla“ – ist gemeinsam mit „Donaugold“ Teil der Wiener Festwochen, die Karten dafür waren rasend schnell weg und wir haben es nur dem Glück zu verdanken, dass wir auf Umwegen dazu gekommen sind. Nesterval ist am Weg, Teil von etwas Elitärem zu werden. Aber bringen Eliten positive Utopien hervor?
Na gut, es hätte mir zu denken geben sollen, dass „König Gilgamesch – das größte Abenteuer der Welt“ im Renaissancetheater mit 6+ Altersangabe versehen ist, aber um ehrlich zu sein, das habe ich zu spät bemerkt, wohl auch, weil ich Gilgamesch-Fan bin, das älteste uns erhaltene Romanfragment der Welt mehrmals gelesen habe, Raoul Schrotts Version vor über 20 Jahren im Akademietheater gesehen habe und es immer wieder fasziniert und mich stets wundert, dass dieser Ursprung unserer Kultur aus einer Gegend kommt, die wir heute im Grunde nur mit Instabilität, Erdöl und Diktatur assoziieren. Nicht zu vergessen, dass sowohl Euphrat wie auch Tigris, die das Zwischenstromland definierenden Flüsse Mesopotamiens, zwei der vier Flüsse sind, die das biblische Paradies durchziehen.
Na gut, Manuela und ich betreten das Theater, umringt von einer kreischen Horde Kinder zwischen sagen wir mal 6 und 12, die sind ja viel zu jung für das Stück, denke ich, aber was weiß ich schon. Manuela schaut schon ein wenig skeptisch, bleibt aber diszipliniert und zögert nicht, sich mit mir ein Kinderstück anzusehen, auch wenn ihr gar nicht nach Kinderstück ist. Vermutlich war ich geblendet von früheren Besuchen im Theater der Jugend, Sherlock Holmes, die Shakespeares, die Wrestling-Version von Ragnarök. Das war doch gute Unterhaltung, auch für Erwachsene. Ja sicher, am Plakat ist Gilgamesch mit einem Stofflöwen zu sehen, aber warum soll auch der größte Herrscher aller Zeiten nicht seine softe Seite zeigen?
Das Team: 4. v. links Enkidu, rechts davon Gilgamesch, George Smith, Gilgameschs Schwester.
Und es fängt ja gut an, mit einer Rahmenhandlung, die uns zeigt, wie der Banknotengraveur George Smith im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts unter 100.000 Fragmenten in Keilschrift die Textstellen findet, die das ausmachen, was wir heute als Gilgamesch-Epos kennen. Und schon sind wir im Stück und sehen einen despotischen, jungen Gilgamesch als unbarmherzigen Tyrannen, den nur interessiert, dass sein Uruk zur größten Stadt aller Zeiten wird – und stark genug, um den Ansturm des Drachens Chumbaba stattzuhalten. Mino Dreier versucht Gilgamesch ein tyrannisches Element zu geben, aber das funktioniert nicht so richtig. Er bleibt zu freundlich, das Knallen seiner Peitsche ist nur zu hören, nicht zu sehen. Während Enrico Riethmüller als Enkidu, der mehr Tier als Mensch ist, nicht nur die Lacher auf seiner Seite hat, sondern durch seine Unbedarftheit und Offenheit auch die Sympathien der Zuseher:innen. Die Freundschaft der beiden entsteht dadurch, dass sie sich gegenseitig nicht besiegen können, als bilden sie ein Team, das sich fast augenblicklich auf die Reise macht, die Gilgameschs Leben definieren wird: seine Jagd nach Unsterblichkeit. Gilgamesch ist zwar zu 2/3 ein Gott, aber eben nur zu 2/3, dadurch bleibt ihm Unsterblichkeit verwehrt, also versucht er sich diese Unsterblichkeit zu erkämpfen. Gilgamesch und Enkidu werden von riesigen Skorpionen überfallen, sie kämpfen erfolgreich gegen den Drachen Chumbaba, aber in eben diesem Kampf stirbt Enkidu qualvoll in den Armen Gilgameschs, der den einzigen Menschen verliert, den er scheinbar liebt. Erschüttert bricht Gilgamesch seine Expedition ab und kehrt nach Uruk zurück. Dort hört er auf, ein Tyrann zu sein. Er will ein König sein, in dessen Stadt jeder leben kann, wie er will, in Freiheit und auf seine Art.
Wie es zu diesem Sinneswandel kommt, bleibt im Stück von Michael Schachermaier, der auch inszeniert hat, leider unklar. Als Zuseher:in bekommt man das Gefühl, dass es etwas mit Enkidus Tod zu tun haben muss, aber was? Dreiers Darstellung von Gilgamesch ist leider zu wenig variabel, zu wenig differenziert, um diese Wandlung einleuchtend zu machen, aber so ist das wohl bei Stücken für die Zielgruppe ab 6 Jahren.
Schleierhaft bleibt auch, warum Schachermaier aus „dem größten Abenteuer der Welt“ eine Geschichte gemacht hat, in der es um Diktatur und Unterdrückung der Freiheit geht, aber dem eigentlichen Kern der Geschichte, die Jagd nach Unsterblichkeit, eigenartig wenig Raum zugesteht, als wäre das nur der zweite oder dritte Handlungsstrang. Sehr gelungen hingegen ist der Kampf mit dem Drachen, für dessen erstaunliche Größe etwas so Schlichtes wie Pappkartons sehr eindrucksvoll verwendet wurden, toll inszeniert. Dieselbe Kartons, die von den Arbeiter:innen verwendet werden, um die gigantische Stadtmauer Uruks zu errichten. Auch die Szene im Totenreich ist durchaus berührend.
Zwischendurch ist immer wieder George Smith zu sehen, der, in den alten Keilschriften lesend ,sozusagen durch das Geschehen auf der Bühne führt und mitunter in das Geschehen integriert wird – gegen seinen Willen. Aber ist diese Rahmenhandlung überhaupt nötig? Hätte es nicht gereicht auf die Kraft einer Geschichte zu vertrauen, die älter als die Bibel ist und diese auch (mit der Erzählung der Sintflut) beeinflusst hat? Schachermaier hat sich anders entschieden.
Der Applaus für das Ensemble ist verdient, die Kinder sind begeistert und damit ist schon viel gewonnen. Ich hätte gern ein dramatischeres Stück näher am Original gesehen, aber ich bin ja auch schon lang nicht mehr die Zielgruppe – und ich sage das mit einem Lächeln.
Jaja, ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie … die alte Bernhard-Frage (auch Titel einer Erzählung Bernhards) lässt sich nicht so einfach beantworten, vielleicht gar nicht. Man könnte „Am Ziel“ durchaus als schreckliche Tragödie inszenieren, eine Art „was geschah mit Baby Jane?“ nur mit Mutter und Tochter statt zwei Schwestern, Porträt einer Familienhölle, der Text hat durchaus das Potenzial dafür. Aber Regisseur Matthias Rippert hat sich für eine komische, leichte Ausführung entschieden, mit einem Hang zu Drastik (die Mutter übergibt sich am Ende über den Schriftsteller) und Klamauk (der herunterfallende Scheinwerfer während die Mutter über den schon eher desolaten Zustand ihres Hauses räsoniert). Gut und schön und unterhaltsam und wer das Furchtbare, Schreckliche (die Erzählung des verunstalteten, früh gestorbenen Richard, die Gemeinheiten der Tochter gegenüber) raushören möchte, braucht sich nur an den Text zu halten.
Rippert macht aus dem Stück ein Kammerspiel, auch räumlich: die Figuren kleben förmlich aneinander, besonders zum Schluss, wo Mutter und Tochter den dramatischen Schriftsteller auch körperlich vereinnahmen wollen und Hände und Körperteile sich berühren, die Mutter dem Schriftsteller nahekommen möchte, der Schriftsteller sich aber auf die Tochter konzentriert, die demgegenüber durchaus aufgeschlossen ist. Die Breite der Bühne des Akademietheaters ist gefüllt mit den von Bernhard geforderten Rohrkoffern – und einer langen Reihe von Theatersitzen, der „Reihe 0“, wie auf einem Schild zu lesen ist. Naja, es ist naheliegend, ein Stück, das zu einem beträchtlichen Teil von Überlegungen zum Theater, zur Dramatik, zum „dramatischen Schriftsteller“ erfüllt ist, quasi theaterreferentiell zu inszenieren. Aber die Sitzreihe macht aus den Figuren Zuschauer:innen – und das sind sie nicht. Sie sind die Handelnden, wären sie Zuschauer:innen, würden sie etwas beobachten, etwas sehen – das tun sie nicht. Sie sind der Fundus, aus dem die Dramatik entsteht, wie es auch im Stück heißt und nicht die Beobachter:innen.
Die Handlung des Stücks ist schnell erzählt: eine altgewordene verwitwete Mutter – und offensichtlich Trinkerin – lebt mit ihrer auch nicht mehr jungen Tochter in einem Haus, das langsam zerfällt. Beide beschließen in ihr Ferienhaus nach Katwijk zu fahren, in dem früher schöne Sommer verlebt worden sind, aber auch dieses Haus – einst der Hauptgrund für die Ehe mit dem verstorbenen Gusswerkbesitzer – verfällt langsam. Die fast schon symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird bedroht: durch den dramatischen Schriftsteller, der überraschend für einige Tage Mutter und Tochter nach Katwijk begleitet. Das Auftauchen des dramatischen Schriftstellers ist auch der Grund für allerlei Überlegungen Bernhards zum Theater, zum Publikum, zur Figur des Dramatikers, der an sich als Gefahr wahrgenommen wird, als jemand, der den Fundus der ihn umgebenden gesellschaftlichen Wirklichkeit plündert und auf höchst gemeine Weise auf die Bühne stellt, bis diese voll ist mit Dreck, den das Publikum sich gern gefallen lässt.
Die Darstellung des dramatischen Schriftstellers durch Rainer Galke ist etwas verwunderlich, bei aller Brillanz, mit der Galke den Schriftsteller spielt, Galke ist 54 Jahre alt und sicher kein „junger“ Schriftsteller, wie es der Text eigentlich fordert. (Dem Text zufolge müsste die Mutter auch älter als Dörte Lyssewski sein, nur Maresi Riegner als Tochter ist im gerade geforderten Alter.)
Die Darsteller:innen holen an Komischem raus, was im Text und in den Rollen drinsteht, es ist ein wirklich vergnüglicher Bernhard, der hier gesehen werden kann und der einem leicht die wesentlichen tragischen Punkte des Stücks übersehen lässt: die lieblose Ehe der Mutter, die den ihr zuwideren Gusswerkbesitzer wegen seines Vermögens geheiratet hat, die Ablehnung körperlicher Liebe („An meine Wäsche lasse ich niemanden“ heißt es in einer Doppeldeutigkeit, die Bernhard nicht entgangen sein kann, im Stück), das kranke erste Kind Richard, das die Mutter zu töten beabsichtigte, der Verlust des Mannes, der Verfall der Häuser, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die nicht frei ist von Sadismus. Lyssewski porträtiert die Mutter als Alkoholikerin, die zunehmend betrunkener wird, völlig zu Recht, auch der Text erwähnt immer wieder, wann die Mutter trinkt. Die Derbheit des letzten Regie-Einfalls, wenn die Mutter sich über dem Schriftsteller erbricht, ist folgerichtig, wenn auch grauslich anzusehen.
Riegner wiederum gibt ein unschuldiges Mädchen, das seine Mutter unterstützen und ihr gehorchen will, auch wenn sie erstaunlich viele Widerworte liefert. Es ist sie, die scheinbar ihre Mutter mit dem Schriftsteller zusammenbringen möchte, während die Mutter davon ausgeht, dass es zwischen Tochter und Schriftsteller zu einer Beziehung kommen könnte.
Es bleibt offen, wer das Zentrum der Macht besetzt. Scheinbar die Mutter, sie zwingt die Tochter zum Niederknieen, aber die Tochter ist in der Lage, das so lange auszuhalten, bis die entnervte Mutter sie auffordert, wieder aufzustehen. Alles, was getan wird, macht die Tochter, die Mutter ist im Grunde abhängig von ihr.
Und der Titel? Ja, wer am Ziel angekommen ist, ist enttäuscht vom Erreichten. Aber weder das Stück noch die Aufführung machen deutlich, wann dieses Ziel erreicht ist, erreicht wurde, erreicht werden kann und was das Ziel überhaupt ist – gut so.
Interessant ist, dass das Stück bei Saallicht beginnt, Riegner bereits auf der Bühne zu sehen ist. Das Licht wird erst gegen Mitte der Aufführung runtergedreht. Bald nach Beginn setzt eine Geräuschkulisse ein, kaum wahrnehmbar zunächst, man versucht Musik rauszuhören, aber es ist nur ein vager Rhythmus, der sehr langsam lauter wird, bis irgendwann die Grundstruktur des auch im Stück erwähnten „Bolero“ von Ravel zu erkennen ist.
Das Bühnenbild gibt optisch nicht viel her: Schräg die sehr lange Reihe an Theatersitzen, dahinter, vorhangartig, zwei Kleiderstangen mit Kleidung in Überziehern. Rechts ein Rohrkoffer aus Metall, im Laufe der Aufführung werden noch andere Koffer dazukommen. Ganz rechts, fast im rechten Winkel zum Publikum, eine kürzere Reihe von Sitzplätzen, wo der Schriftsteller sich kurz nach seiner Ankunft vor Verlegenheit und Unwohlsein winden wird.
Requisiten gibt es kaum: Tassen, Gläser, Teekanne, eine Flasche Cognac. Es ist immer wieder traurig zu sehen, wie eine der reichsten Bühnen des Landes auf armes, reduziertes Theater macht, warum auch immer. Aufräumen und leere Räume sind ja in, gut. Aber gerade in Bernhards Werken geht es oft darum, dass das Vergangene, das Angehäufte, die Immobilien und ihre Ausstattung einen förmlich erdrücken (auch in „Am Ziel“), man aber trotzdem nicht loslassen kann. Und dann kriegt man ein Bühnenbild, dass an 1980er-Jahre-Lofts erinnert, in die mittellose, gerade der New Wave entwachsene Künstler:innen ihre Zuflucht suchen.
„Ich fürchte er wird länger als nur ein paar Tage bleiben“
Die Schlussworte der Mutter.
„Am Ziel“ in der Inszenierung von Matthias Rippert hatte 2022 seine Premiere im Kasino am Schwarzenbergplatz und übersiedelte ein Jahr später ins Akademietheater. Zwischendurch wurde die Rolle der Tochter von Laura Balzer gespielt. Die Uraufführung fand 1981 im Rahmen der Salzburger Festspiele statt.
Bühne: Fabian Liszt Kostüme: Johanna Lakner Licht: Norbert Gottwald Musik: Robert Pawliczek
Na gut, die Buch Wien 2025 haben wir ausgelassen, man kann nicht überall gewesen sein … Aber Manuelas Adlerinnenauge ist der Hinweis im „Falter“ nicht entgangen, dass Konrad Paul Liessmann sein neues Buch „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ in der Alten Schmiede präsentiert und ja, wir sind Liessmann-Fans, also gehen wir da natürlich hin. Manuela gleich direkt von der Arbeit in die Innenstadt, gehen zu Diglas in der Wollzeile zum Aufwärmen und wer sitzt da zwei Tische weiter? Liessmann. Cool. Und zwei Tische weiter auf der anderen Seite? Ex-Bundeskanzler Werner Faymann. Cool. Aber: Die Qualität der Torten hat ein bissl abgebaut im Diglas, muss ich sagen, und der süditalienische Kellner ist auch nicht mehr dort … Wir natürlich, schlau, schauen, dass wir um 18:30 in der Alten Schmiede sind. Diejenigen, die erst 18:45 auftauchen müssen sich schon um Sitze rangeln. Und die, die um kurz vor 19:00 Uhr auftauchen, naja …
Liessmann ist nicht allein, sein Gesprächspartner an diesem Abend ist Michael Ludwig, hauptberuflich Bürgermeister der Stadt Wien. Ludwig wirkt im Fernsehen immer recht aufgeräumt, intelligent, aber weil Politiker halt mehr oder weniger in Schablonen reden (müssen) auch nicht rasend originell. Er ist immer recht putzig anzusehen, als würde er gerade von seiner Firmung kommen. Aber Ludwig ist für uns die große Überraschung des Abends; belesen, historisch versiert (hat ja auch Geschichte studiert), weit- und rückblickend zugleich, rhetorisch überzeugend. Man wünscht sich, dass Politiker:innen im Fernsehen vielleicht mal größere Freiräume hätten um über anderes als Politalltag reden zu können.
Liessmann sieht in unserer Zeit eine Zeit der Krisen, die wiederum werden unterschiedlich verortet in verschiedenen Sachbereichen. Zunächst die prinzipielle Frage, ob wir überhaupt eine Krisenzeit durchleben, gestellt von Ludwig, denn vergleicht man die Krisenhaftigkeit unserer Zeit mit der von vor etwa 80 oder 100 Jahren, so wiegen ewig lange Finanzkrisen und die Weltkriege natürlich deutlich schwerer. Oder? Liessmann wiederum stellt fest, dass eine Krise zeitlich begrenzt sein muss, ist sie das nicht, dann ist sie keine Krise sondern ein chronischer Zustand. (Was ist der Unterschied zwischen normal und chronisch?) Sicher ist, dass es Ängste gibt, dass wir in einer Umbruchszeit leben. Liessmann stellt sich vor, dass wir Angehörige einer Epoche sind, von der Historiker:innen einmal sagen werden, in dieser Epoche von etwa 1870-2050 habe es „Pensionen“ gegeben, was weder davor noch danach der Fall gewesen ist. Ein Gedanke, der mir schon mal in Bezug auf Arbeiter:innen und Wohlstand gekommen ist, stellt sich die Phase von 1960 bis etwa 2000 für mich nämlich als diejenige dar, in der Arbeiter:innen tatsächlich zu Wohlstand kommen konnten, sich Häuser bauen oder erwerben konnten, oft mit einem Familienmitglied als Haupt- oder Alleinverdiener. Und dann war immer noch genug Geld da, um sich zusätzlich etwas sparen zu können. Und dann sind die Immobilienpreise auch noch in die Höhe geschossen. Und und und … alles vorbei.
Auch was die Lebenserwartung betrifft, den Einsatz von KI … es werden Fragen aufgeworfen, die derzeit kaum zu beantworten sind. Ludwig hat vermutlich Glück, mit 62 Jahren ist er alt genug, dass er den großen Umbruch nicht mehr mitverantworten werden muss.
Liessmann und Ludwig, zu oft einer Meinung als dass es zu einer Diskussion oder einem Streitgespräch hat kommen können, boten an diesem Abend Unterhaltung auf hohem Niveau mit vielen Anregungen zum Nachdenken (Gott behüte, nachdenken, hätte Thomas Bernhard eingeworfen), Weiterdenken, Vordenken, Überdenken – und wer mehr Anregungen wünscht kann sich ja Liessmanns Buch „Was nun?“ (dessen Cover inspiriert ist von der deutschsprachigen Erstausgabe von Lenins „Was tun?“ (1902)) kaufen.
Wir haben uns auf jeden Fall ein Exemplar gesichert und signieren lassen. Vor uns in der Reihe: Thomas Schäfer-Elmayer. Werner Faymann war nicht da. Hat er was verpasst.
„Die Nacht weiß nicht vom Tage“ ist ein Stück in acht Liedern der österreichischen Komponistin Ruth Cerha, die darin unter anderem den Tod ihres Vaters, des Komponisten Friedrich Cerha, der 2023 verstorben ist, verarbeitet. Das Stück wird im Rahmen von „wien modern“ aufgeführt, in den SOHO Studios, in einem kargen, weiten, mit quadratischen weißen Betonsäulen ausgefüllten Raum,. der alles andere als theatertauglich zu sein scheint, auf den ersten Blick.
Cerha, Komponisten, Darstellerin, Regisseurin, Texterin in einer Person, geht „Die Nacht …“ als Stationentheater an. Im Zentrum ein Klavier, das auf einem fahrbaren Podium nach Beendigung eines Stücks durch den Raum, um die Säulen geschoben wird, von Cerha selbst und einem grauhaarigen Mann, beide in matrosenähnlicher Kleidung. Das Publikum, teilweise ausgestattet mit Klapphockern (vielen Dank, liebe Veranstalter) kann und darf folgen, wenn es will und sich immer wieder neu platzieren – oder auch nicht. Aber alle folgen der Möglichkeit, sich zu bewegen und das Ganze aus einem anderen Winkel zu sehen. Zwei Tänzer:innen, eine Pianistin, ein Klarinettist, zwei Sängerinnen tragen das Werk vor. Die Musik ist leicht atonal, aber für heutige Verhältnisse harmonisch, mitunter melancholisch, die Stücke, acht Lieder, eine Ouvertüre und anderes, sind vergleichsweise kurz, das gesamte Werk hat aber doch eine Länge von rund 70 Minuten und zieht das Publikum durchaus in seinen Bann als Gesamtkunstwerk. Durch die intensive Darbietung der Tänzer:innen (noch nie haben wir Tanz aus einer derartigen körperlichen Nähe erlebt, nur Zentimeter entfernt, und zum ersten Mal die unglaubliche physische Anstrengung der Tänzer:innen realisiert); durch das Fesselnde der Musik; den Gesang; die Beleuchtung. (Weniger durch die szenischen Hilfsmittel wie Koffer und Erde.) Das Stück erschließt sich kaum aufgrund seiner Darbietung, das Motiv der Reise und der Zusammenhang mit der Vergänglichkeit bzw. dem Vergehen des Lebens wird deutlich, aber alles Weitere muss erlesen werden, was der Sogkraft der Aufführung aber keinen Abbruch tut.
Cerha wird vom Publikum (vielleicht 80 Menschen) zu Recht beklatscht, ebenso wie alle Teilnehmenden. Zum Schluss, aufgefordert von den Akteur:innen, löst sich alles im Tanz mit dem Publikum auf, an dem, Gott bewahre, ich auch teilnehmen musste.
Gesehen am 9. November 2025 im Cineplex Wien Mitte (Saal 8, 18:15 Uhr)
Na gut, mal kein Theaterbesuch. Manuela und ich haben in den vergangenen Jahren aufgrund unsrer Theaterfreude das Kino vernachlässigt, wollen das aber ändern. Ohne Michaela und Mirko wären wir wahrscheinlich nicht ins Kino gegangen, sind wir aber, nach einer Runde am Christkindlmarkt am Stephansplatz (viel besserer Punsch als am Schönbrunner Christkindlmarkt, der dort wirklich eine Zumutung war), und zwar bei „Franz K.“ der Regisseurin Agnieszka Holland. Der Film hatte im September 2025 seine Premiere, ist also, naja, brandneu. Natürlich hat man als Kafka-Leser:in („Der Prozess“, „Amerika“, „Die Verwandlung“, diverse kürzere Texte; vergangenes Jahr an der Burg „Der Bau“ und „Die Verwandlung“ gesehen) gewisse Erwartungen. Werden die erfüllt? Schwer zu sagen.
Holland hätte einen einfacheren Weg gehen können, Biopics sind gerade ziemlich in, zeitgleich mit „Franz K.“ läuft ja auch der Film über den amerikanischen Sänger Bruce S. (der wohl etwas mehr Zuseher:innen haben wird). Biopics sind ähnlich wie Superheldenfilme nach einer Formel gestrickt: Andeutungen von eventuellen Gründen für spätere Probleme in der Kindheit; frühe Talentproben, aber Schwierigkeiten, sich durchzusetzen; Liebesgeschichte; Erfolg und Absturz; Selbstzweifel und Regeneration; wieder Erfolg. Schluss. Das ist nicht, was Holland will und Kafkas Leben gibt so etwas wohl auch nicht her.
Holland entschied sich dafür, den Film episodisch anzulegen: einzelne, kurze Szenen, die einen bestimmten Charakterzug Kafkas oder ein Ereignis seines Lebens oder seine Beziehung zu einer bestimmten Person beleuchten wie Schlaglichter. Deutlich wird das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, die gute Beziehung zu seiner neun Jahre jüngeren Schwester Ottla, die Freundschaft zu Max Bord, die holprige Beziehung zu seiner Verlobten Felice Bauer. Dazwischen kurze Szenen in der Jetzt-Zeit im Kafka-Museum, Auswüchse des Kafka-Tourismus wie der Kafka-Burger. Mitunter Visualisierungen von Kafkas Texten wie der grausamen Darstellung von „In der Strafkolonie“. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Länge und ermüdet etwas, wenn eine kurze Szene sich an die nächste reiht und der Film ist mit 2 Stunden 7 Minuten nicht gerade kurz. Auch wirkt der Film dadurch unstrukturiert: ob er jetzt 20 Minuten kürzer oder länger wäre, es würde keinen großen Unterschied machen. Eigenartig ist, dass Kafkas Ende in der Anstalt im niederösterreichischen Kierling so kurz gehalten wird, auch dass das Ende des Films die Flucht Max Brods aus dem Nazi-Reich zeigt und Brod sozusagen das Schlusswort hat (eigenartig, auch wenn es ohne Brod keinen berühmten Kafka gäbe).
„Franz K.“ (Warum eigentlich die Abkürzung? Um auf Josef K. aus „Der Prozess“ zu verweisen?) ist ein sehenswerter Film, der übliche Seher:innen-Erwartungen unterläuft, ein wenig informiert, ein wenig fabuliert, auch unterhält und – wahrscheinlich am Wichtigsten – durchaus Lust darauf macht (wieder) Kafka zu lesen. Tun wir das.
Ah ja: die Nachos waren gut, lagen dann aber doch etwas im Magen.