Gesehen am 18. Mai 2026, Augartenspitz

Die Theatergruppe Nesterval strebt ein sogenanntes immersives Theatererlebnis an, Zuschauer:innen sollen hineingesogen werden in das Erlebnis, direkt dabei sein, Teil der Aufführung sein und nicht nur passiv dasitzen vor einer imaginären 4. Wand. 

Dies wird dadurch erreicht, dass die Darsteller:innen mitunter direkt, auch körperlich Kontakt mit den Zuschauer:innen suchen, sie ansprechen, ein wenig einbeziehen. Bühne gibt es nicht mehr, unterschiedliche kleinere Spielorte (hier in erster Linie Zelte) bilden einen vergleichsweise intimen Rahmen, das Publikum wird in kleine Gruppen aufgesplittet, das fast unmittelbar vor den Akteur:innen steht oder sitzt oder bastelt. Bastelt? Ja, immerhin durfte man bei „Wallden“ auch seinen eigenen Kopfschmuck gestalten – wenn man wollte.

Nesterval bietet insofern ein einmaliges Erlebnis, als es überreich an szenischem Material ist, unterschiedliche, parallel verlaufende Szenen spielen sich ab, zu viele als dass das Publikum alle an einem Abend sehen könnte. Die Publikumsgruppen werden geleitet, jede Gruppe bekommt andere Szenen in einer anderen Folge zu sehen, man sieht also jeden Abend ein anderes Stück. 

Bei „Wallden“ war es so, dass es zu Beginn eine Szene für das ganze Publikum gab und der Abschluss ebenfalls ein Gemeinschaftserlebnis war, der Ablauf dazwischen war individuell. Die Aufsplittung hat zur Folge, dass in jeder Szene nur wenige Schauspieler:innen agieren, häufig sogar nur einer oder eine, die direkt mit dem Publikum arbeitet (ja, arbeitet: Atemübungen, Achtsamkeit, Erzähl-doch-mal-was-dich-beschäftigt …), das ist interessant, aber, naja, nicht immer und auch nicht immer spannend im Sinne von aha, wie geht es weiter???, sondern mitunter auch etwas bemüht. Ist das dann noch Theater? Ist das noch Schauspielen? Ich glaube nicht.

Handlung? Nun, „Wallden“ orientiert sich mit dem korrespondierenden Stück „Donaugold“ am Nibelungenlied oder behauptet zumindest, das zu tun. Die Bezüge sind sehr lose und würde es nicht betont, man merkte es nicht. Von der klassischen Nibelungenliedgeschichte bleibt praktisch nichts übrig, stattdessen werden germanische Namen geliefert, die Göttin Erda versucht zu steuern, es gelingt nicht, am Ende will sie verschwinden, was Chaos auslöst. 

Rundherum versuchen die anderen Figuren das Ruder in die Hand zu nehmen, die vermeintlich utopische Gesellschaft, die sich nach Wasserkriegen und grauenvollen Zuständen auf der Erde in ihr kleines Paradies zurückgezogen hat, steht kurz davor sich umstrukturieren zu müssen, die Nornen wollen wieder ihre Macht, wofür sie Hagens Zunge benötigen …

Nesterval zeigt in „Wallden“ eine Gesellschaftsutopie, worin diese aber bestehen soll, bleibt unklar. Basisdemokratisch, ja, aber letztlich entscheidet Erda. Alle zusammen, ja, aber letztlich kocht jeder sein eigenes Süppchen. Wallden ist wohl das Gegenstück zu „Donaugold“, das eine dystopische Gesellschaft zeigt, einer der Söhne Erdas, der ausgeschickt wird in diese dystopische Gesellschaft, kehrt völlig verstört zurück und berichtet von Menschenopfern. Eine dramatische Handlung im klassischen Sinn darf man sich nicht erwarten, allerdings auch nicht, dass die einzelnen Szenen eine Dringlichkeit hätten, wie es bei „Der rosa Winkel“ der Fall war. Alles bleibt vage und oberflächlich, wenig durchdacht, nicht zwingend, ein Potpourri an Möglichkeiten, die wenig genutzt werden. 

Was nicht heißt, dass es kein interessanter, unterhaltsamer Abend wäre, nein, aber wenn wir davon ausgehen, dass Theater in den Zuschauer:innen etwas auslösen soll – und das ist wohl das Ziel immersiven Theaters und war es auch in der Antike – dann ist der Abend nicht besonders gelungen, auch wenn er flott vorbeigeht.

„Wallden“ – der Name ist wohl eine Mischung aus „Walden“ und „Wallhalla“ – ist gemeinsam mit „Donaugold“ Teil der Wiener Festwochen, die Karten dafür waren rasend schnell weg und wir haben es nur dem Glück zu verdanken, dass wir auf Umwegen dazu gekommen sind. Nesterval ist am Weg, Teil von etwas Elitärem zu werden. Aber bringen Eliten positive Utopien hervor?

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