Burgtheater, 19. September 2026, Loge 2, 1. Rang, rechts

Simon Stone hat ein Stück „nach Henrik Ibsen“ geschrieben und jede/r ist aufgerufen, die Bezüge zu den diversen Ibsens rauszufinden. Eine mühsame Arbeit, die auch nicht viel Ertrag bringen wird, fürchten wir, aber bitte, isses halt „nach Ibsen“.

Wenig überraschend geht es im Stück um das im Titel genannte architektonische Objekt, das eine Großfamilie zusammenführen, zusammenbringen soll, aber im Laufe von Jahrzehnten ein Ort von Gewalt, Angst, Verdrängung, Unterdrückung, gescheiterter Liebe, Hass und Tod wird, bis es niederbrennt – Akt der Befreiung, der letztlich ins Leere führt.

Stone präsentiert als Bewohner:innen des Hauses eine Familie, die sich aus den Fängen von Betrug und Gewalt über Generationen hinweg nicht befreien kann und das in einem Ausmaß, das einem „Ödipus“ von Sophokles als leichte Komödie erscheinen lässt. Das ist auch der einzige Haken an diesem großartigen Theaterabend, der trotz seiner Länge aufgrund der exzellenten darstellerischen Leistungen des Ensembles, der klugen Regie, des Bühnenbilds und der oft beklemmenden Musik rasch, mitunter sogar unterhaltsam, im ersten Teil mit einer Neigung zum Hysterischen, im zweiten Teil mit ruhigen Strecken und einem unausweichlichen brutalen Finale das Publikum für sich einzunehmen weiß.

Der Haken: trotz aller Großartigkeit ist besonders der Teil vor der Pause das wohl Deprimierendste, was ich seit Langem gesehen habe (Manuela ist da anderer Meinung), mindestens seit den Stücken von  Sarah Kane („Phaidras Liebe“). Aber es macht alles in allem sehr gutes Theater.

Zum Inhalt nur so viel: Der Architekt Carl Albrich ist berühmt geworden mit dem Entwurf des für die eigene Familie gedachten Ferienhauses. Allerdings birgt er zwei dunkle Geheimnisse: das Ferienhaus ist nicht sein Entwurf, sondern der seines Neffen – doch Carl schafft es durch Manipulation diesen um die Anerkennung, Erfolg, Geld und kreative Freiheit zu bringen. Und, schwerwiegender: Carl missbraucht Mädchen. Zu seinen Opfern gehört die gerade erst zehnjährige Karoline, später seine Enkelin Flora. All dies geht über Jahrzehnte in Schweigen, Nicht-sehen-Wollen, Nichtwissen vor sich, Lena liefert Carl sogar ihre Tochter Flora förmlich aus, indem sie das Kind regelmäßig zu Besuch bei ihm lässt, obwohl sie um dessen Verbrechen an Karoline weiß. Karoline wiederum flieht ihre Familie, führt eine unstete Existenz als Alkohol- und Drogensüchtige, schafft es, sich eine neue Existenz aufzubauen und tut alles Menschenmögliche, um nach dem Brand das Haus wieder aufzubauen, den Wiederaufbau mit sozialen Zwecken zu verbinden  und den wahren Architekten, der von alldem nichts mehr wissen will, in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Versuch, der letztlich an der Finanzkrise und am Gemeinderat scheitert. Carl, der sich sein ganzes Leben ausgelebt und ausgetobt und tyrannisiert hat, wird nie für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen und endet dement. Flora tötet sich.

Das Stück ist achronologisch aufgebaut, Stone springt zwischen Jahren und Jahrzehnten hin und her, 1974, 1970 2004 usw. Auf diese Weise setzt sich der Ablauf erst langsam zusammen, werden Zusammenhänge erst später klar und deutlich, auch, was passiert ist und welche Folgen das jeweilige Geschehen nach sich gezogen hat.

„Das Ferienhaus“ kennt nur Gescheiterte, Opfer, Verlorene, es gibt nur Tragik, Gewalt, nur das Schlechte im Menschen, es gibt keine Gerechtigkeit, keine menschliche Wärme, mitunter Witz. Und es lässt nichts aus an Tragik: sogar Sebastian, Carls Sohn, der homosexuell ist, muss an HIV erkranken und wird schließlich von seiner Mutter erstickt. Stone, der sein Amsterdamer Stück „Ibsen Huis“ von 2017 für das Burgtheater adaptiert hat (und mit Landesbezügen versehen hat), ist ein Werk gelungen, das trotz der Düsternis der Handlung und der Dunkelheit der Charaktere einen packenden, interessanten, ausweglosen Theaterabend ermöglicht, dessen Aktualität  bedauerlicherweise wohl noch länger anhalten wird.

Burgtheater „Das Ferienhaus“

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