Albertina, 17. September 2026

Natürlich sind wir Picasso- und Bacon-Fans, klar. Die Hand, die dies schreibt, hat illegalerweise auch einmal einen Bacon berührt, dank eines unaufmerksamen studentischen Aufsehers in der „Surrealismus in Spanien“-Ausstellung in der Kunsthalle, das muss wohl 1992 gewesen sein. Viel später habe ich eine Bacon-Ausstellung gesehen, lustigerweise im Musée Picasso in Paris an einem schrecklichen Herbsttag.

Natürlich sind wir dabei bei der Eröffnung, Donnerstag Abend, angekommen um 17:45 Uhr, Schlange stehen, Einlass 18:00 Uhr. Früh genug um einen Sitzplatz im Festsaal zu kriegen, der sich relativ schnell füllt mit rund 250 Menschen. Kleine Diskussionen, weil die Späterkommenden keinen Sitzplatz mehr kriegen, sich an den Rand des Saals stellen und damit denen die Sicht nehmen, die früh genug gekommen sind, aber sich für einen Platz an der Seite entschieden haben. Doch diese Kämpfe werden von anderen geführt und die meisten Stehenden werden durch die Stehzeit eh mürbe und geben auf.

Erfreuliche Musikbegleitung durch das Streichquartett des Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, auch wenn wir uns nicht sicher sind, ob Piaf- und Cole Porter-Songs wirklich entsprechen, aber bitte. Direktor Ralph Gleis weist auf die komplexe Beziehung zwischen Picasso und Bacon hin, der Ältere ein inspirierender Reibepunkt für den Jüngeren, der Jüngere lässt dem Älteren keine Wahl als ihn mehr oder weniger wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen. Die künstlerischen Parallelen sind überschaubar, zwar waren beide durchaus lebensbejahende Menschen, aber es gibt wohl kaum ein Werk Bacons, aus dem im Gegensatz zu vielen Bildern Picassos auch Lebensfreude zu Tage tritt, schon der Unterschied im Farbspektrum ist offensichtlich. Picasso erweist sich als Wegweiser, Bacon geht von diesem Weg aber in seine eigene, unbeirrbare Richtung, auch wenn er immer wieder zu Picasso rüberschaut, mal sehen, wo sich der so rumtreibt.

Höhepunkt der Einführung des Abends (seit wann gibt es eigentlich keinen gratis Sekt und Soletti mehr?) ist das Gespräch zwischen Gleis und dem inzwischen fast 85-jährigem Michael Peppiatt, Freund Bacons, Biograph und Verfasser anderer auf Bacon bezogener Bücher, Gastkurator von „Picasso-Bacon. What it feels like to be human“ und mit Gleis Co-Autor des Ausstellungskatalogs. Peppiatt, junger Student, lernte Bacon kennen, ohne dessen Bilder je gesehen zu haben, sein Ziel war es ein Interview für die Studentenzeitung seiner Uni zu bekommen und er begleitete Bacon noch am Abend des Kennenlernens samt seinen Freunden durch die ganze Nacht, was zu einer Freundschaft und jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Bacon und dessen Werk führte. In seinen Worten war Bacon ein Mensch, der sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog, wenn er einen Raum betrat, der eine eigentümliche Energie ausstrahlte, unterhaltsam und witzig sein konnte, ein scheinbar ganz anderer Mensch, als den man sich den Schöpfer der von ihm stammenden Werke mit zersetzten, verfremdeten, drangsalierten Körpern in unwirklichen, abstrakten, teils unwirtlichen Räumen oder Landschaften vorstellen könnte. Bacon hatte trotz der Düsterheit seines Werkes große internationale Erfolge, war nach Picasso der zweite lebende Künstler, der eine Ausstellung im Grand Palais in Paris erhielt. Sein Privatleben – Bacon war homosexuell – war schwierig, sein Partner, der 25 Jahre jüngere George Dyer, starb zwei Tage vor Eröffnung besagter Ausstellung im Grand Palais in Paris an einer Überdosis Alkohol und Tabletten.

Die Ausstellung selbst zeigt rund 70 Werke der beiden vielleicht bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, eine derartige Menge an Werken von Bacon ist selten und war in Wien überhaupt noch nie zu sehen – während es alle paar Jahre eine Picasso-Ausstellung gab in Wien. Die Unterschiede zwischen Beiden sind offensichtlich: Picassos Farbpalette ist eine wesentlich breitere und räumt auch hellen Tönen Platz ein, die Interaktion zwischen den Figuren ist vielfältiger, während Bacon oft vereinzelte, isolierte Figuren zeigt. Picassos Verfremdung von Körpern und Gesichtern hat trotz allem etwas Lebendiges, die Verfremdung und teilweise Auslöschung von Körperteilen oder Gesichtern ist bei Bacon eine Auflösung, ein Nachgeben in dunkle Gebiete. Gewalt, Tod, Brutalität treten bei Bacon offen zu Tage, während selbst der vor Schmerz brüllende Stier bei Picasso immer noch etwas Lebensbejahendes hat. Picassos Farbauftrag ist ganz anders als der von Bacon, der mitunter dick bröckelige Farbpigmente aufträgt, manchmal seine Bilder mit Klecksen bewirft, Bilder häufig monochrom gestaltet.

Jedes Bild in der Ausstellung ist es wert, genauer betrachtet zu werden und auch wenn dies bei 70 oder mehr Bildern lange dauern könnte, es bleibt ja immer noch die Möglichkeit, die Ausstellung ein zweites oder drittes Mal zu sehen oder sich gleich eine Jahres- oder Bundesmuseencard zu kaufen, was Manuela und ich auch getan haben und daher baldigst wiederkommen werden.

Um danach wie an diesem Abend kurz nach 21:00 zu Gerstner auf ein Glas Champagner zu gehen.

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