Aufführung halb gesehen am 3. Oktober 2026, 1. Rang, rechts, Loge 5
Hurra, wieder in der Loge, aber diesmal nicht Loge 2, wo man nicht die ganze Bühne einsehen kann, sondern klüger gewählt Loge 5.
Erste Überraschung: Da sitzt ja jemand auf unseren Plätzen, aber Manuela checkt das gleich und die ältere, grauhaarige Dame erhebt sich und geht, um Sekunden später in der Nachbarloge aufzutauchen. Tja.
Zweite Überraschung: Das Theater ist bestenfalls zu einem Drittel gefüllt, das schaut ja aus, als ob heute Kosovo gegen Kirgistian in Tokio spielen würde. So leer hab ich das Burgtheater nicht mehr gesehen seit Achim Freyers Inszenierung von „Phaeton“.
Dritte Überraschung: Die Nicht-Anwesenden haben leider klug gehandelt.
Vorbemerkung: Wir sind zur Pause gegangen, deshalb können wir nur über die erste Hälfte der Inszenierung von „Sankt Falstaff“ von Ewald Palmetshofer durch Karin Henkel reden (wir haben das Stück nicht gelesen). Es hat uns schon etwas stutzig gemacht, dass wir ein Stück sehen, das die Bearbeitung eines Shakespearestücks („Heinrich IV.“) ist, und das in einer eigenen Fassung von Karin Henkel, Rita Thiele und Jeroen Versteele dargeboten wird, das ist erstaunlich viel bearbeitete Bearbeitung, aber gut.
Überraschend das Bühnenbild: Das Innere eines Brustkorbs, der zu Beginn auch zu atmen scheint, wobei ein vornübergebeugter Schädelknochen ins Publikum bleckt. Eigenartigerweise in der Mitte, an der Decke, der Wirbelsäule ein großes Auge. Schaut meines Erachtens nach Geisterbahn aus und lässt mich etwas mulmig werden, aber Manuela fand es cool und interessant.
Und dann geht es auch schon los: „Heinrich IV.“ scheinbar in einen totalitären Staat verlagert, es gibt ein Sprachorgan, es gibt ein Hirn, es gibt einen König, mehr tot als lebend, Intriganten und einen ziellosen Prinzen, der sich lieber in Spelunken und mit Gesindel rumtreibt als den Staat voranzubringen. Das alles bedauerlicherweise auf eine Art inszeniert, wie wir uns vorstellen, dass Bertolt Brecht in den 1920er- und 30er-Jahren sein Episches Theater betrieben hat: ein Verfremdungseffekt jagt den nächsten, es wird auf der Stelle gerannt, direkt ins Publikum gesprochen, es gibt Doppelbesetzungen (warum?), eigenartig-bizarre Kostüme, das groteske Geisterbahnbühnenbild, Masken, Übertreibungen, natürlich einen Monitor, mitunter Saallicht, dumpfe, irritierende Geräuschkulisse.
Die Schauspieler sind großartig, was für eine Besetzung! Minichmayr, Happel, Beglau, Witzel, Nägele, Werths, alle toll. Was sie reden, ist teilweise so wirr, dass ich mich mitunter fragte, worum es überhaupt geht. (Wie gesagt, wir haben das Stück nicht gelesen … wäre wohl besser gewesen.) Die Inszenierung ist zwiespältig, einerseits hat sie sicherlich zu den Schauspieler:innenleistungen beigetragen, andererseits tut sie alles, um das Publikum sich möglichst unwohl fühlen zu lassen. Wenn dies das Ziel war, ok, geschafft. Warum dies das Ziel sein sollte, wissen wir nicht. Um das Publikum zum Nachdenken zu bringen? Dafür gibt der dargebotene Text nicht genug her. Und wenn das Publikum nicht zum Reflektieren angeregt wird, auch nicht zur Erregung, oder dazu sich an der Darbietung zu erfreuen, was bleibt dann noch? Wenig bis nichts und das drückte sich nach Fall des Vorhangs zur Pause im Applaus aus, der den Namen kaum verdient hat. Schade, aber he, alle 20 oder 30 Mal darf es auch im Burgtheater mal einen Durchhänger geben.
Jetzt gehen wir mal in die Josefstadt, mal sehen, was die aus „Hamlet“ machen.




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